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 KURZGESCHICHTEN
Deutsch

KÜNSTLER, FÄLSCHER, PRÄSIDENTEN
 

Szene I
Woronin machte es sich im Wohnzimmer bequem. Er hauchte auf seine Hartlauer-Brille und putzte sie, nahm einen Schluck Gin und kämmte sich die Haare zurück. Er überschlug die Beine.
„Wann liefern Sie uns die beiden Van Goghs?“
„In zwei Wochen“, meinte defensiv der Maler.
„Und den Cézanne, den Sie uns schon so lange versprochen haben?“
„Ich kann nicht so schnell arbeiten“, stotterte John Liebkind, ein Künstler wohnhaft in Wiens Innerer Stadt.
„Mein liebes Kind, ich habe Ihnen schon erklärt“, setzte Woronin fort und schmatzte an einer gedippten Karotte. „Politiker haben nicht nur ihre Wünsche - sie realisieren sie auch. Die Grünen kommen nun an die Macht und wollen schöne Landschaften für ihre Büroräume.“
„Es ist nicht leicht Meisterwerke zu kopieren“, entgegnete Liebkind und zog den grün-roten Vorhang zu.
„Schauen Sie mal, Peter Pilz wird vermutlich Heeresminister und er braucht einen Monet, Van der Bellen will eine Tieransicht und Frau Glawischnig möchte einen Frida Kahlo. Entweder Sie treten auf’s Gas, oder wir lassen Sie auffliegen!“
John Liebkind trat aus dem Schatten des Vorhanges und lockerte seine Kleiderbauer-Krawatte. Er öffnete langsam die Türe des Appartements und wies den Besucher mit seinem gestreckten Zeigefinger entschieden hinaus.
„Verschwinde, Woronin, sonst verwandle ich Dich in Herren-Gulasch. Ich bin ein Künstler und keine Maschine. Mach’, dass Du fort kommst und lass Dich hier nie wieder blicken!“
Die Sonne verschwand gelbglühend unter dem Horizont des Balkons und die stummgewesenen Vögel des Malers begannen ihr allabendliches Lied.
Der ungebetene Gast war nicht länger anwesend.
„Ach, wäre ich doch nur Beamter oder Briefträger geworden“, dachte sich der Hausherr, legte sich auf das violett-orange karierte Sofa und biss in den sauren Apfel. Bald war er eingeschlummert in das weite Land der Träume und Schäume.

Szene II
„Hallo?“
„Hallo.“
„Hallo! Wer spricht dort? Ist das der Maler Liebkind? Hier spricht der Botschafter der Vereinigten Staaten.“
„Hallo.“
„Hören Sie mich? Ich habe einen Auftrag für Sie. Können Sie Präsidenten George Bush als Helden malen?“
„Als Held? Was meinen Sie?“
„Als Held des Irakkrieges. Geht das? Is that okay with you?“
“Ich denke, das klappt … ich könnte mir das gut vorstellen.”
„Hallo? Schaffen Sie das? Wir zahlen gut. Wir haben Geld, wir haben Cash.“
„Ich könnte mir den Bush gut in ultramarin ausmalen, sitzend auf einem Ölfass mit gekreuzten Beinen, im Hintergrund eine durstige Kamelherde.“
„Hallo? Ich höre Sie schlecht. Ja, das klingt ganz plausibel. Bush auf einem Kamel sitzend, hinunterblickend auf einen durstigen Saddam? Das wäre in Ordnung. Schicken Sie uns die Rechnung in die Boltzmanngasse. Bitte großformatig malen. Und nichts Abstraktes. Vielleicht ein paar arme, bettelnde Kinder zu seinen Füssen, zu ihm hinaufschauend, wie einst auf den offiziellen Bildern von Mao-Tse-Tung. Hallo?“
„Ich brauche dazu einen Keilrahmen vom Boesner, 80 X 120 Zentimeter ...“ (Gespräch bricht ab)

Szene III
„Willkommen in der Hofburg, Herr Maler!“, ruft Präsident Thomas Klestil und breitet seine Arme aus. „Es ist mir eine Freude Sie heute hier begrüßen zu dürfen“.
„Es ist mir eine Ehre Ihnen heute einen Renoir aus altem Familienbesitz überreichen zu dürfen.“
„Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite“, betont der Bundespräsident und schenkt dem Gast reinen Wein in ein grünes Kristallglas ein.
„Der Zufall spielte es in unsere Hände.“
„Es ist schon erstaunlich, dass Sie auf Ihrem Dachboden einen unbekannten Renoir gefunden haben, der einst Ihren Vorfahren gehörte. Nennen Sie mich einfach Thomas.“
„Ich wollte auch nachfragen, ob es vielleicht möglich wäre eine Staatskünstlerpension zu ergattern?“
„Ich werde die dementsprechenden Bemühungen sofort in die Wege leiten. Ich habe übrigens gehört, Sie malen auch selbst?“
„Ich bin nur ein Amateur und male Mäuse oder Heurigensänger. Bei mir ist Hopfen und Malz verloren. Ich habe mal ein Bild verkauft an unsere Greißlerin und sie hat darin Heringe und Karpfen eingewickelt.“
Der Protokollchef tritt ein und flüstert dem Bundespräsidenten etwas ins Ohr.
„Sagen Sie Herrn Dichand, er solle draußen warten“, antwortet Präsident Klestil. “Man soll inzwischen bei der Aida am Kohlmarkt einen Guglhupf holen.“
Er wendet sich zurück zu seinem Besuch.
„Ach ja, mein Lieber, wo waren wir?“

Szene IV

„Oui, Monsieur le Président, er ist da.“.
„Er soll reinkommen.“
Arthur Guichard, der Depotaufseher des Musée d’Orsay, tritt ein und fällt vor Chirac auf die Knie, umklammert dessen Beine und beginnt zu schluchzen.
„Es tut mir ja so leid, Monsieur! Ich weiß nicht, wie es passieren konnte. Es tut mir ja so schrecklich leid!“
„Ja, sagen Sie mal, Mann, was ist denn passiert?“
„Es fehlen aus unseren Beständen zwei Monets, ein Bonnard, drei Van Gogh, 15 Pissarro, darunter die Frau am Webstuhl, zwei wenig bekannte Renoirs und einige Holländer, welche wir nur leihweise vom Louvre verwahrt haben.“
„Haben Sie eine Vermutung, wer das gewesen ist?“
„Nein, Monsieur le Président, es fehlt jede Spur.“
„Das war sicher ein cleverer Bursche. Stehen Sie wieder auf, Mann, und fassen Sie sich. Ich bringe das wieder in Ordnung - das ist keine Kunst. Ich bin der mächtigste Mann in Europa.“

(im Hintergrund erklingt Donner, durch das Fenster sieht man einen wilden Blitz einschlagen in den Hof des Elysée-Palastes)

Szene V
John Liebkind nahm einen tiefen Schluck Kakao und biss ab von seinem Tilsiter-Brot. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Bitte, bitte, beruhige Dich.“
Er malte gerade seine Wellensittiche. Tamino das Männchen war blau, Pamina das Weibchen zitronengelb. Sie hielten nicht und nicht still.
„Müsst Ihr Euch denn immer putzen?“
Tamino neigte sein Köpfchen auf die Seite und schaute John schief an, als wollte er sagen: „Ich muss mich manchmal putzen - ich bin ja kein Schweinchen.“
Liebkind zog sich seinen Pullover aus und öffnete den obersten Knopf seines Gloriette-Hemdes.
„Ich bin am Ende“, dachte er sich. „Die Russen-Mafia erpresst mich, ich fälsche Van Goghs, klaue Renoirs, die Finanz untersucht meine Machenschaften, die Internet-Firma meines Bruders geht bald in Konkurs, die Roten und die Grünen haben die Wahl verloren. Gottseidank habe ich eine sehr liebe Freundin, welche mir getreu zur Seite steht und mit mir Starmania zuschaut.“
„Bitte, Tamino“, wandte sich Liebkind zu seinem gefiederten Freund. „Ich muss das Bild bis 17:00 Uhr fertig haben. Herr Prof. Van der Bellen kommt gleich vorbei es abholen. Ich brauche das Müsli, das er mir versprochen hat. Ich habe sonst morgen kein Frühstück. Das Leben ist halt kein ÖGB-Malseminar, wo man mit herrlichem Essen verwöhnt wird.“
Plötzlich blieben die beiden Vögel wie erstarrt auf ihren Schaukeln sitzen und spitzten die Ohren.
Man hörte langsame Schritte die Stiegen in den 4. Stock hinaufschreiten.
John Liebkind riss sich zusammen und mit geballter Kraft tauchte er den Pinsel in die blaue, in die gelbe, in die rote und in die schwarze Farbe, und mit einigen zügigen und gewagten Strichen vollendete er das Kunstwerk.
„Rrrrring!“
Der Maler wischte sich die färbigen Hände in seine Hose und ging die Türe öffnen.
„Es ist mir eine Freude, mein Herr.“
„Ich begrüße Sie. Darf ich hereinkommen?“
„Das mit der grünen Regierung wird wohl doch nichts?“
„Schwamm drüber. Aber ich nehme trotzdem das Bild, wenn es fertig ist.“
„Ich bin fertig, aber die Farbe ist noch nicht trocken. Haben Sie das Bio-Müsli mit?“
„Ja, wenn Sie eine Landmilch im Hause haben, können wir jeder eine Portion essen.“
„Sie sind ein guter Grüner, Herr Van der Bellen.“
„Nennen Sie mich einfach Bello.“

Szene VI
(Klopf, klopf)
„Herein ... ach Sie sind es, Herr Finanzrat.“
„Ja, ich komme wegen Ihrer Steuererklärung, Herr Maler Liebkind.“
„Nun, ja?“
„Sie ist ganz leer. Sie haben uns ein blankes, weißes Papier geschickt. Haben Sie denn keine Bilder verkauft?“
„Nun, ja ... ich meine ... nun, nein.“
„Was soll das heißen?“
„Ich verschenke alle meine Bilder. An meine Mutter, Tanten, liebe Basen, meine ehemaligen Arbeitskollegen, ... an meinen Installateur.“
„Wie bezahlen Sie Ihren Installateur?“
„Er verrechnet mir nichts für seine Dienste. Mein Hausverwalter verlangt keine Miete. Ich lebe von der Luft und von der Liebe.“
„Das soll ich Ihnen glauben?!?“
(Er zückt die Handschellen)
„Ich bin bereit Ihnen auch ein Werk zu schenken.“
„Ach ja? Sie wissen, dass so etwas nicht geht. Welches würden Sie mir denn zueignen?“
„Ich habe da ein neues, tolles. Ein Gemälde von George Bush, aus einem Ölfass trinkend.“
„Das ist ein eigenartiges Gemälde ...“
„Es ist einzigartig. Ich bin ein Genie.“
„Sie sind einzigartig. Wie wäre es mit der Monet-artigen Landschaft da drüben?“
„Die können Sie nicht haben. Die gehört Peter Pilz.“
„Peter Pilz? Ja, zahlt der nicht dafür?“
„Der gibt mir 2 Kg Dinkel, einen Sack roter Rüben und etwas Tiroler Speck.“
„Das müssen Sie aber auch versteuern.“
„Ach, das wusste ich nicht.“
„Sie sind kein Genie.“
„Ich bin kein Business-Genie.“
„Genieren Sie sich nicht? Nun gut, ich nehme den Bush. Aber verraten Sie mich nicht.“
„Ich bin ein Business-Genie ... darf ich Sie zur Türe geleiten? Lassen Sie Ihren obersten Chef schön grüßen von mir und richten Sie ihm aus, ich liefere ihm nächsten Sonntag sein Portrait in die Döblinger Villa.“
„Ich verabschiede mich mit einem herzlichen ‚Grüß Gott’.“
„Freundschaft und Vergeld’s Gott!“

(macht die Türe zu)

Szene VII
(Rrrring!!!)
„Ja, bitte.“
„Grüß Gott, darf ich eintreten, Herr Liebkind?“
„Sie kommen mir bekannt vor.“
„Wilfried der Name ...“
„Sie sind aber nicht dieser dubiose Sänger ...?“
„Nein, durchaus nicht, ich bin der Direktor vom KHM, Seipel der Name.“
„Ach ja, kommen Sie nur ...“
Er tritt ein ins Wohnzimmer.
„Na, Sie haben da prachtvolle Gemälde, ich...“
„Ja, alles nur Kopien ...“
„Ja, ich sehe Jawlenskys, Modigliani, Klee, Macke ... deswegen komme ich ja ...“
„O je, sie müssen verstehen, Herr Seipel, ich habe fünf uneheliche Kinder, welche versorgt werden müssen, ich ...“
„O je, sie müssen verstehen, Herr Seipel, ich habe fünf uneheliche Kinder, welche versorgt werden müssen, ich ...“
„Haben Sie keine Sorge, Herr Liebkind, deswegen komme ich ja zu Ihnen.“
„Wollen Sie denn auch Fälschungen für Ihr Museum? Ich bin erstaunt!“
„Die Impressionisten und die kubischen Maler würden ja gar nicht zu uns passen, aber ...“
„Worauf wollen Sie denn hinaus?“
„Es ist mir unsagbar peinlich ...“
„Handelt es sich denn gar um ...?“
„Ja ..., ich hätte gerne eine brauchbare Kopie des Salzfasses von Benvenuto Cellini. Es geht mir sehr ab.“
„Aber ich vermutete immer, dass Sie das Original zu Hause bei sich haben und Ihren Schicki-Micki Gästen bei Bedarf zeigen. War ich falsch unterrichtet?“
„Dazu möchte ich lieber nichts sagen, aber es wäre eine Kopie unbedingt vonnöten für das Kunsthistorische.“
„Ich kann die Saliera gerne nachmachen, aber ich bräuchte das Original als Vorlage.“
„Wenn Sie schweigen wie das sprichwörtliche Grab, so besorge ich Ihnen für drei Tagen den Cellini, aber kein Sterbenswörtchen an niemand.“
„Sie können mir vertrauen. Ich hoffe nur, es wird mir nicht gestohlen.“
„Sichern Sie auf alle Fälle Ihre Fenster und lassen Sie das Kunstwerk auf meine Kosten versichern.“
„Als Gegenleistung hätte ich gerne eine Ausstellung im KHM. Ließe sich das bewerkstelligen?“
„Gut, einverstanden. Sagen wir im März und April 2005? Aber Sie dürfen keine Fälschungen zeigen, sonst bekomme ich noch Schwierigkeiten.“
„Ich schlage ein, und falls Sie ein extra, wieder aufgetauchtes Selbstbildnis von Albrecht Dürer brauchen, so stehe ich zu Diensten.“
„Ich wünsche einen guten Tag.“
„Ich bringe Sie zur Tür. Wenn’s geht, hätte ich gerne einen schriftlichen Vertrag über unsere Vereinbarung.“
„Ich lasse es Ihnen in den nächsten Tagen zuschicken. Leben Sie wohl.“
„Ich grüße Sie, Herr Seipel. Sie sind das Salz in meiner Suppe.“

Szene VIII
Dienstag Abend im Museum Angewandter Kunst.
Ausstellungseröffnung Drei große Wiener Künstler

John Liebkind wird zuerst abgewiesen beim Eingang, da er keine Einladung hat. Er klettert vom Parkring auf das Dach und verschafft sich mittels eines offenen Klofensters, ähnlich wie beim Coup mit dem Cellini, Eintritt.
Wilfried Seipel stellt die Künstler vor als die drei größten Wiener Entdeckungen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Elke Krystufek tritt vor und lockert ihren Büstenhalter. Sie schlüpft aus ihrer Kleidung und springt in eine ovale Badewanne, gefüllt mit blauem Wasser. Sie dreht an der Dusche und stimmt das Lied Blond wie eine Semmel von Reinhard Fendrich an.
Das Publikum kreischt begeistert. Bravorufe sind zu hören.
Franz West wird vom Plafond an einem Seil heruntergelassen und endet auf einer hohen Leiter. Unter dieser steht auf einem mannshohen Podest ein brandneuer, picksilberner Porsche Audi BJX 919. Eine Assistentin schreitet die Leiter zum Meister empor und reicht ihm einen Kübel. Franz West schüttet den Inhalt, eine fluoreszierende Flüssigkeit, in einem eleganten Bogen hinunter auf das neue Auto. Die Assistentin springt in die Badewanne zu Elke Krystufek, während eine zweite Gehilfin pathetisch empor schreitet. Wiederum macht es ein großes „Kunst-Platsch“, als der sechstteuerste Künstler der Welt sein Happening fortsetzt. Der Vorgang wiederholt sich 24 mal bis das Auto ganz nass ist. Dann springt auch West hinunter in die mittlerweile volle Badewanne.
Jetzt erscheint Hermann Nitsch auf der Bildfläche und reißt einen Teddybären in kleine Stücke mit seinem Mund. Dann trampelt er auf ihm herum. Er bespuckt ihn, verwünscht ihn und schreit die wüstesten Verfluchungen. Schließlich hebt er mit Hilfe eines Handkrans die Badewanne samt Krystufek, West und den 24 hübschen Assistentinnen, und schüttet sie allesamt auf die Reste des Bären.
Das Publikum ist restlos entzückt und ruft „Wir wollen mehr! Mehr! Mehr!“.
Der Saalordner, welcher Liebkind den Eintritt verwehrt hatte, erspäht diesen und lässt ihn vom Polizeipräsidenten, welcher natürlich bei solch einem Spektakel nicht fehlen darf, verhaften und abführen.
Nachdem dieser Liebkind dem scheidenden Justizminister Böhmdorfer übergeben hat, kehrt der Präsident zurück in den Saal und ersteigert sowohl die Badewanne, als auch das Auto und die 24 attraktiven Assistentinnen. Er verspricht Direktor Seipel, ihm das angekleckerte Auto für eine Sonderausstellung im KHM zu borgen.
Minister Böhmdorfer ist kurz abgelenkt, als die neue und blutjunge Pressesprecherin von Bildungsministerin Gehrer, Felicitas von und zu Herberstein, fast nackt vorbeihuscht, und John Liebkind nimmt die Gelegenheit wahr zu entweichen und flieht durch’s Klofenster, genau wie beim Cellini-Coup, ins Freie.
Er ist recht benommen von dem, was er gesehen und erlebt hat. Am Wege nach Hause durch die Bäckerstraße sagt ihm eine innere Stimme: „Es geht nichts über die Kunst, als vielleicht die Kunst selbst.“

Ars pro arte, vicillimus ipse.
Semper in eo qua invidimus hunc.

Szene IX
Hofburg

„Ich begrüße Sie herzlich, Herr Liebkind. Mein Vorgänger hat Sie mir empfohlen.“
„Es ist mir eine Ehre und ich hoffe, ich kann Ihnen behilflich sein.“
„Meine Gegenkandidatin wollte in der Hofburg ein Kompetenzzentrum errichten. Ich habe aber andere Vorstellungen und möchte hier ein Insolvenzzentrum schaffen für alle Mitbürger, welche mit ihrem Leben nicht zurecht kommen und Unterstützung brauchen. Bitte folgen Sie mir.“
„Ich folge Ihnen, kann Ihnen aber nicht folgen.“
„Lieber Herr Liebkind, schauen Sie, hier im ersten Raum, dem Kuppelsaal, möchte ich ein Kaffeehaus einrichten für Obdachlose, mit Speisen, einer warmen Stube und Zeitvertreib wie Lesungen oder Musikaufführungen. Könnten Sie die Wände passend bemalen im Stile Ferdinand Légers oder mit Collagen à la Braque bekleben?“
„Nun, das würde ich schon hinkriegen.“
„Hier im angrenzenden Zimmer möchte ich einen Jazz-Club für arbeitslose Jugendliche etablieren. Zawinul und die Gebrüder Muthspiel haben ihr Mitwirken schon zugesagt. Da stelle ich mir etwas Abstraktes vor, ähnlich wie Patrick Heron oder Helen Frankenthaler. Und hier als nächstes ein Raum für Frauen mit Kindern, welche von gewalttätigen Männern Zuflucht suchen, mit einer Spielecke und Kindertanten, sowie zwei Schlafräumen. Da wären Friedenstauben oder pietätvolle Gemälde wie Chagalls vielleicht eine gute Vorlage.“
„Sie haben wirkliche ambitionierte Pläne. Alle Achtung.“
„Ich werde ja weiterhin in der Josefstädter Straße wohnen, da kann ich die Hofburg nützlich umgestalten. Im ganzen 2. Stockwerk werde ich Plätze für Asylwerber schaffen, die kein Dach über dem Kopf haben. Da viele von den Asylsuchenden Muslime sind, könnte man eventuell Mosaike und Muster von der Alhambra in Spanien an die Wände anbringen.“
„Ich werde mein Bestes tun. Soll ich die Gemälde mit meinem Namen signieren oder mit denen jener Künstler, die ich nachmache?“
„Das überlasse ich Ihnen. ‚Der Kunst ihre Freiheit.’“
„Hier im nächsten Zimmer möchte ich Theateraufführungen und Operettenabende offerieren für arme Pensionisten, die sich solche Vergnügungen nach der Pensionsreform nicht mehr leisten können. Als darstellende Künstler stelle ich mir Studenten und nicht so erfolgreiche Schauspieler und Sänger vor, welche hier vor dankbarem Publikum auftreten könnten, so eine Art Seniorenclub, wo Erfrischungen gereicht werden.“
„Ich nehme an Toulouse-Lautrec oder Impressionisten wären da ideal, so à la Moulin de la Galette. Das wäre kein Problem für mich.“
„Schließlich möchte ich im letzten Raum ein Casino mit Roulette, Blackjack und einarmigen Banditen einrichten für mittellose Scheidungswaisen, exorbitant hohe Alimente zahlende Alleinstehende und für ‚single mothers’. Damit diese auch zumindest einmal im Leben eine Chance erhalten. Ich denke mir, da wären Fahnen von Jasper Johns oder andere Pop Art Kunstwerke, welche an den amerikanischen Traum erinnern, am treffendsten.“
„Die Auftragsarbeiten klingen wie eine große und schöne Herausforderung. Ich würde auch gar nicht viel dafür verlangen.“
„Ich dachte an eine Pauschalsumme von einer Million Euro - das wäre Ihrer Leistung angemessen.“
„Ich sprach schon mit Bundespräsident Klestil über eine etwaige Staatskünstlerpension. Diese würde ich vorziehen. Einen Lebensabend sozusagen als offizieller Staatskünstler Österreichs, ähnlich wie es den ‚Poet Laureate’ in England gibt.“
„Sie sind ganz bescheiden ...“
„Gute Künstler sind nie bescheiden. Ich danke für das Gespräch und die Besichtigung. Ich muss mich leider schon auf den Weg machen - ich habe noch viel Arbeit. Herbert Haupt hat bei mir ein Portrait bestellt, im Stil von Lucian Freuds Portrait der englischen Königin. Das wird
ein hartes Stück Arbeit. Gute Nacht!“
„Ich bitte Sie um Fertigstellung der Gemälde bis zum Nationalfeiertag, an dem wir das Insolvenzzentrum eröffnen wollen. Ich wünsche ebenfalls eine gute Nacht. Schönen Abend noch.“

Szene X
Die Kleine Nachtmusik ertönte in Ö 1. John Liebkind mixte sich einen Tom Collins und streckte sich auf dem violett-orange karierten Sofa aus. Er schlug den Standard auf und perlustrierte die neueste Kolumne von Günter Traxler.
Plötzlich vernahm er ein eigenartiges Geräusch und das Schlürfen von Schritten. Als er aufsah, erblickte er Woronin vor sich.
„Hier bin ich wieder, mein Lieber!“
„Was willst Du hier?“
Böse Erinnerungen an die Russen-Mafia und Erpressungsversuche wurden geweckt.
„Ich bin zurück, and now I want what’s mine! Ich habe vernommen, Du sollst offizieller Künstler der Republik Österreich werden. Ich verlange 50 Prozent Deines Einkommens oder meine ‚cronies’ übermalen Deine sämtlichen Bilder mit Kricksi-Kracksi Figuren. Wir haben schon Briefe für den Standard und die anderen Blätter vorbereitet, um Deine Machenschaften publik zu machen.“
„Endlich Anerkennung, und nun das ...“
„Ich verlange 100 000 Euro bar auf die Hand als Anzahlung oder Du kannst einpacken.“
Er fischte sich eine Virginia Slim aus dem Sakko und machte es sich im IKEA-Stuhl gemütlich. Er blickte sich kurz um und erspähte etwas Faszinierendes.
„Na, was haben wir den da? Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Gehört das nicht jemandem anderen? Ist das nicht das berühmte Salzfass von Benito Cellini?“
Er stand auf und ging einige Male bewundernd um die Figur herum.
Er stand auf und ging einige Male bewundernd um die Figur herum.
„Gefällt mir ganz gut ...“
Ohne Vorwarnung schrillte urplötzlich ganz laut die Türklingel.
„Jessas na“, murmelte Woronin. „Ich verstecke mich im Kasten. Aber kein Wort, sonst hat Dein letztes Stündlein geschlagen.“
Der Maler erhob sich schweren Mutes und ging die Eingangstüre öffnen.
„Ich begrüße Sie Herr Liebkind, tut mir leid, dass ich so hereinplatze.“
„Ja, guten Abend, Herr Bundespräsident. Was verschafft mir die Freude und die Ehre?“
„Darf ich hereinkommen? Ich wollte Ihnen persönlich mitteilen, dass ich für Sie die Staatskünstlerpension ergattert habe. Ich gratuliere!“
Dr. Heinz Fischer blickte mit offenen Augen um sich und rief: „Das sind ja wunderbare Bilder! Ich bin ganz piff und paff!“
Dann erblickte er das Salzfass und meinte: „Aber was sehe ich da? Da bin ich aber überrascht dies’ Gebilde hier zu finden. Dürft’ ich es mir für den Empfang des chinesischen Außenministers ausborgen?“
Da sprang Woronin aus dem Kleiderkasten und versuchte Dr. Fischer den Cellini zu entreißen. Heinz Fischer stemmte sich mit aller Macht dagegen und katapultierte Woronin über seine Schulter. Dieser ließ sich jedoch nicht entmutigen und warf sich auf den Bundespräsidenten. Dieser krümmte den Rücken und ließ Woronin auf den Boden gleiten. Der Bösewicht umschling die Schienbeine des Naturfreundes, doch dieser sammelte seine geballte Kraft. Er machte eine Grätsche indem er in die Luft sprang und mit einem Judogriff beförderte er Woronin in eine Ecke. Bevor sich dieser dort aufraffte, klickten durch John Liebkind schon die Handschellen, welche der Finanzbeamte bei seinem Besuch unvorsichtigerweise vergessen hatte.
„Das hatte ich bei meinem Amtsantritt nicht erwartet“, meinte der Bundespräsident.
„Sie haben sich sehr wacker geschlagen. Morgen werden die Zeitungen darüber berichten mit Schlagzeilen wie ‚Der Präsident besiegt im Handumdrehen die Russen-Mafia’, ‚Ein Held in der Hofburg’ oder ‚Wiederwahl gesichert!’. Sie haben sich einen Platz in der Geschichte gesichert, zumindest in dieser Geschichte.“
„Künstler haben es auch nicht immer leicht“, bemerkte Dr. Fischer. „Wenigstens müssen Sie nicht kämpfen.“
„Wir kämpfen um die Anerkennung. Diese habe ich nun durch Ihre Ernennung zum Staatskünstler erlangt und ich danke Ihnen dafür. Ich werde mich ab nun nur mehr dem Pfad der rechten Tugend widmen. Da ich ja jetzt repräsentieren muss, werde ich mir einen Trachtenanzug kaufen. Können Sie mir da etwas empfehlen?“
„Ich lasse Ihnen einige Prospekte zukommen. Ich verabschiede mich und, wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich den Cellini gleich mit.“
„Gute Nacht, Herr Bundespräsident. Vielen Dank, dass Sie meine Ehre und meinen guten Namen gerettet haben. Und den Cellini. Auf Wiedersehen. Und herzliche Grüße an Dr. Bubenbacher und Familie.“

Szene XI
John Liebkind stand an der Haus-Bar und mixte Drinks für die Vögel, eine Pink Lady für Pamina, eine Bloody Mary für Tamino. Er war ein wenig im Stress - er musste heute noch vier Bilder fertigstellen.
Er ging rüber zum Telefonapparat.
„Hallo? Ist dort die Polizeiwachstube? Ich habe da einen Typen von der Russen-Mafia. Könnten Sie jemanden rüberschicken ihn abholen?“
„Wir schicken gleich einen höheren Beamten. Danke für die gute Arbeit. Bis gleich. Danke!“
Liebkind machte weiter an der Staffelei. Das Gemälde von Herbert Haupt nahm langsam Formen an. Es war schlicht himmlisch.
Da klopfte es laut an seinem Wohnzimmerfenster und er sah Direktor Seipel draußen auf einer Leiter wild gestikulieren. Liebkind öffnete vorsichtig das Fenster und Seipel meinte: „Ich wollte Sie nicht unnötig komprimieren und dachte mir, ich komme diesmal auf diesem Weg.“
„Hupfen Sie herein, Herr Direktor.“
„Danke, das werde ich tuen.“
Er turnte herein, entstaubte sich und schüttelte seine beregneten Haare.
„Ich komme nur den Cellini abholen.“
„Den hat gerade jemand mitgenommen.“
„Sie spaßen, oder? Wer war das?“
„Der Herr Bundespräsident.“
„Wie konnten sie nur? Ich bin entsetzt!“
„Er wird ihn beim Empfang für den chinesischen Außenminister verwenden.“
„Da bin ich natürlich auch eingeladen“, meinte Seipel. „Dort hole ich ihn mir wieder zurück.“
Da läutete es Sturm. Direktor Seipel kletterte rasch aus dem Fenster und huschte die Leiter hinunter, die er unten zusammenklappte und auf seinen Schultern fortschleppte.
John Liebkind eröffnete die Tür, um überraschenderweise dem Polizeipräsidenten gegenüber zu stehen.
„Ich wurde benachrichtigt, dass hier ein dicker Fisch gefasst wurde. Darf ich eintreten?“
„Ich habe gemeinsam mit Dr. Heinz Fischer Woronin geschnappt. Er liegt in Handschellen bereit zum Abtransport.“
„Was faseln Sie da? Dr. Fischer? Vergessen Sie's! Unser Bundespräsident hat eine friedliche Natur.“
„Das stimmt fürwahr.“
„Sie kommen mir aber auch bekannt vor, Herr Maler. Sind wir uns nicht kürzlich begegnet?“ Er klappte seinen Regenschirm zusammen. „Das sind ja wunderbare Bilder. Kommen mir auch irgendwie bekannt vor. Sind Sie erfolgreich?“
„Erfolgreich hin, erfolgreich her. Wie ma's nimmt. Ich wurde kürzlich zum offiziellen Staatskünstler ernannt.“
„Des kann jeder sagen. Haben Sie diesbezüglich eine Urkunde? Ein Diplom?“
„Das bekomm' ich erst zugeschickt.“
„Ja, ja, sicher. Sind Sie denn nicht der Filou, der uns kürzlich im MAK entwischte? Na, Sie werd' ich Leviten lehren! Sie kommen auch gleich mit. Haben Sie noch ein extra paar Handschellen?“
„Nicht so hastig! Schauen Sie sich mal in Ruhe um. Ich würde Ihnen gerne ein Bild schenken. Wie wär's mit einem Rubens? Einem Lucas Cranach? Sie haben die Qual der Wahl.“
„Na, unerhört! Ich denk' doch nicht im Traume daran, mich bestechen zu lassen. Außer Sie können mir einen waschechten Fragonard zueignen. Die liebt mein Frauchen.“
„Damit kann ich derzeit nicht dienen. Aber wie wär's in zwei bis drei Wochen? Ich habe gute Verbindungen nach Frankreich. Jacques Chirac ist schon auf mich aufmerksam geworden.“
„Nun gut. Also, den Halunken nehm' ich mit. Und wir sprechen uns noch. Verbleiben Sie auf dem Pfad der Tugend. Sonst versalz' ich Ihnen noch die Suppe!“
„Was würden Sie übrigens sagen, wenn ich Ihnen einen heißen Tipp gebe wegen dem Cellini-Salzfass?“
„Das kann doch nicht ihr Ernst sein?“
„Sind Sie beim Empfang des BP nächste Woche dabei für Sheng Zhou Hui, dem Außenminister der Volksrepublik China?“
„Wir haben dort die Sicherheitsstufe rot. Ich bin natürlich anwesend, aber in Zivil und voll Diskretion. Aber wieso fragen Sie? Was ist mit dem Cellini?“
„Halten Sie dort die Augen offen. Sie werden es nicht bereuen. Besalzen Sie dort Ihr Butterbrot.“
„Das werd' ich tun. Nun leben Sie wohl, Herr Maler. Woroninski bleibt nun in meiner Gewahrsam, der belästigt Sie nimmermehr. Ich ziehe meinen Hut.“
„Gute Nacht, Herr Präsident. Wien darf nicht Chicago werden.“

Szene XII
Liebe Ilse Puck!

Ich hoffe, Du erlebst einen angenehmen Aufenthalt in Badgastein. So eine Kur tut gut und ich könnte auch eine gebrauchen. Hier spielt es sich ganz schön ab. Gerne denke ich zurück an die Zeiten als wir wolligwarm kuschelnd Starmania zuguckten und uns delektierten.
Ich bin da in einen Strudel geraten, es ist aber kein Topfen- oder Apfelstrudel. Ich habe dem Bundespräsidenten an Echtheits statt eine Fälschung des Cellini-Salzfasses unterjubelt. Dem Direktor Seipel vom KHM und dem Polizeipräsidenten habe ich den Tipp gegeben, dass Dr. Heinz Fischer das Salzfass beim Empfang des chinesischen Außenministers funktionell einsetzen wird und beide sind ganz happig drauf. Ich werde mich zu diesem Zeitpunkt vielleicht rar machen und Dich besuchen kommen. Auch die Mafia ist hinter dem Cellini her ...
Die gute Nachricht ist, dass ich das offizielle Staatsdiplom für Künstler erhalten habe und eine regelmäßige Geldpensionsabstattung bis zum Lebensende zugesprochen bekomme. Vielleicht kann ich es hinausziehen. Es werden allerhand Ehrungen und Ehrensbezeugungen auf mich zukommen, falls ich nicht im Gefängnis lande.
Ich werde demnächst in der Eden-Bar vorsprechen wegen einer Gesangsdarbietung meinerseits mit Beatles- und Frank-Sinatra-Balladen. Auch gedenke ich einen Lyrikabend im Vortragssaal des Wiener Stadt- und Landesarchivs zu gestalten.
Ich hoffe, es geht Deinem Rheuma schon besser. Machst Du auch regelmäßig Deine Turnübungen?
Ich hoffe, Du hast mir verziehen wegen meinen drei unehelichen Kindern. Mein Herz gehört alleine Dir und Deinen isometrischen Verrenkungen.

Mit unentwegter Liebe,

Dein Liebkind

Szene XIII
Der Schlosspark von Fontainebleau

„Es ist wegen der Einladung, Sire ...“
„Sie meinen die von Prinz Charles zum Polo?“
„Nein, die vom österreichischen Präsidenten zu einem Gipfeltreffen in Wien.“
„War das nicht am 14. Juli?“
„Jawohl, mon Président.“
„Nun ja, ich denke das geht.“
„Sonst gibt es wenig Gutes zu berichten.“
„Was ist mit dem gestohlenen Fragonard?“
„Es sind zwei. Das Bild Die Schaukel und Der Bankert.“
„Ich wollte sie eigentlich für mein Antichambre.“
„Wie wär’s mit der Mona Lisa?“

Exeunt.

Szene XIV
Oval Office

“Your Lordship?”
“What’s up? What’s cookin’?”
“The invitation from Heinz …”
“Tell her to s… it!”
“It’s not from your rival’s spouse, it’s from Heinz, the Austrian president. He wants to talk things over. The Chinese Foreign Minister will be there, your French buddy Jacques, there will be a marvellous meal served by servants in wigs…”
“I wouldn’t mind visiting Vienna. Isn’t that the town, where the artist comes from, who did the megaffengeiles painting of me subdueing ol’ Saddam Sad Face? Ask them, if they have a palace for me to stay in. A palace fit for kings.”
“Sure, I’ll do it first thing in the morning.”
“Make sure, they serve French fries and hamburgers at the palace.”
“Will do.”
“And ketchup on the side.”

Szene XV
Es war ein konstantes Kommen und Gehen und Drängen am Ballhausplatz beim Eingang zum Leopoldinischen Trakt. Die alte Gaslaterne wurde entzündet.
Gewifft schlängelten sich die ehrwürdigen Gäste beim Eisernen Tor hinein. So manche lüfteten den Hut, wie es einst die alten Hofräte in der Herrengasse machten.
Hofräte in der Herrengasse machten.
Zuerst wollten sie Herrn Liebkind nicht hereinlassen (er trug bloß Jeans und ein Holzfällerhemd), doch dann zeigte er seinen Staatskünstlerausweis her und der liberettierte Diener verbeugte sich kurz und stumm.
Christina Stürmer wurde von Jean, dem Sohn des Stallmeisters, erkannt und er bat sie um ein Autogramm.
Nach und nach füllten sich die Gänge und Ränge, und der Protokollmeister André war gerade dabei das Eisentor wieder zu schließen, als die Sirenen des Odysseus erklangen und George W. Bush im Scheinwerferlicht erschien. Er hatte vierzehn schwarzgekleidete Leibwächter, doch die fielen inmitten der bebrillten Mafiosi-Typen, die sich unauffällig hineingeschlichen hatten, gar nicht weiter auf.
Woronin hatte natürlich das Gespräch von John Liebkind und dem Bundespräsidenten gehört, und er wusste deshalb, dass der Cellini heute zugegen war. Er war am Nachmittag aus der „Liesl“ ausgebrochen und hatte zwanzig seiner Spezis heute mitgebracht und eingeschleust.
Die Gäste hatten oben schon Platz genommen, als Jacques Chirac Hand in Hand mit dem chinesischen Außenminister auf der Bildfläche erschien.
Der liebe Herr Dr. Fischer schritt zum Podium und schaltete das Mikrophon ein: „Es freut mich sehr, dass heute führende Persönlichkeiten aus West und Ost zusammen gekommen sind. Heuer sollte nämlich, wie jedes Jahr, das Jahr der Menschlichkeit sein. Werden aber heutzutage überall die Menschenrechte beachtet? In China? In der USA? In den Vororten von Paris? Ich muss mich kurz halten. Das werte Publikum wartet sicher schon auf die Darbietungen unserer Stars. Durch den bunten, zwar kurzen aber einprägsamen Abend, führt heute ... unserer Staatskünstler auf Lebenszeit ... Herr John Liebkind!“
(höflicher Applaus)
John Liebkind verbeugte sich und sprach: „Guten Abend! Ich fasse mich auch kurz. Sie werden heute noch eine Überraschung erleben. Und nun ... Christl Stürmer - der Wirbelsturm aus Altenberg, dem Dorf der Genies!“
Das Playback setzte vehement ein und die Starmaniazweite stürmte auf die winzige Bühne.
Darweil knabberte Dr. Seipel diskret in einer Ecke an einer Soletti. Er hatte einen zweiten Schnurrbart aufgeklebt, um unerkannt zu bleiben. Heute war sein Tag. Er musste, ja er musste den Cellini wieder haben. Seine Frau würde rasend sein, wenn er heute ohne zurückkäme.
Christina Stürmer fegte hinweg und trällerte Tears of Happiness, das Erfolgslied ihres einstigen Konkurrenten. Eintracht war angesagt an diesem Abend.
Der Polizeipräsident war in Tracht erschienen und hielt sich in der Nähe der Astronomischen Uhr Maria Theresias auf.
Plötzlich gab es Bewegung. Irgendwer hatte Friedensreich Hundertwasser erblickt, obwohl der angeblich schon einige Jahre verschieden war. Und natürlich wurde Elvis gesichtet.
Christl machte einen Knicks und begab sich zum Mischpult zu Bogdan Roscic, ihrem neuen Freund.
Mr. Liebkind seufzte in das Mikrophon: „Leider konnten wir Tina Turner nicht verpflichten. Sie singt heute Abend zum 70. Geburtstag von Dustin Hoffman. Da dachte ich mir, ich springe für sie ein. Ich werde a capella das schöne Chanson von Edith Piaf vortragen, Non, je ne regrette rien.“
Daweil hatten die Komparsen von Woroninski (er nannte sich nun nur mehr so) das Cellini-Salzfass am reichlich gedeckten Esstisch im Nebenzimmer erspäht. Sie umringten es und einer von ihnen, Laforgue, steckte es in seine äußere Jackettasche.
Sie gingen in Einzelreihe wie die Entenkinder ganz locker Richtung Ausgang.
Niemand ahnte etwas.
Beim Verlassen des Raumes bemerkte aber eine livrierte Dienerin die statuette Statuette, die aus dem Anzug herauslugte, und schrie ganz hysterisch: „Cellini! Cellini! Exit Cellini!!!“
Der Polizeipräsident zog seine Lugner, während 100 getarnte Polizisten zu raufen begannen mit der stattlichen Anzahl an Russen, Letten und Finnen.
Die Saliera flog in einem 60-grädigen Winkel in die Luft.
Der Direktor des KHM fing sie auf wie einst die Footballlegende Joe Namath und rannte mit ihr unterm Arm zum nächsten Fenster.
„Was mach' ich nun?", erschrie er verzweifelt.
Derweilen sang Liebkind die Zeilen: „... mes chagrins, mes plaisirs...“ Er wechselte mid-song zu We're An American Band von Grand Funk Railroad.
Der Polizeipräsident hechtete auf den Direktor. Die Kumpanen des Mafiabosses schossen wie wild um sich mit ihren Kalaknikoffs.
Eine Polizistin schrie entsetzt auf vor Verzweiflung, als ihre Perücke in dem Durcheinander herunter fiel.
Die Klein-Statue schien aber wie verschwunden. Niemand sah sie, niemand hatte sie. Alle blickten erstaunt umher.
Da lief plötzlich Jean, der Sohn des Stallmeisters und der 1. Köchin, schnell wie Boris Urhan bei einem Gratiseis, Richtung Küche.
Dr. Seipel lag im Clinch mit dem Polizeipräsidenten. Dr. Fischer faßte Jean beim Hemdzipfel und nahme die pittoreske und marinierte Statue in Gewahrsam.
Da sprang Woroninski vom Luster herab auf Dr. Fischer und sie wälzten sich im herabgetropften Butterteig. Auch das ganze Sissi-Geschirr und das Kronprinz-Rudolf-Besteck war zu Boden gefallen.
Da stand ohne Vorwarnung der ungehobelte Murmansk-Russe auf den Schultern des 1. Bürgers und hielt den Cellini hoch:
„Wir haben ihn! Wir haben ihn!“
Da sackten Herrn Dr. Heinz Fischer die Knie ein, da er einen sehr langen und anstrengenden Arbeitstag hinter sich hatte.
Woroninski taumelte kopfüber herab, lies das lottige Salzfass los und es flog in einem regenbogenartigen Halbkreis auf den Boden vor die Polizistin, welche ihre Haare verloren hatte.
Es machte einen riesen „Kracks! Kaboom!“ und die Skulptur zersplitterte in tausend kleine Stücke.
Alle blieben wie erstarrt stehen.
John Liebkind hatte nebenan von dem ganzen Getue nichts mitgekriegt. Das Publikum applaudierte höflich. Er hatte noch eine Eigenkomposition zum Besten gegeben und sich auf der Gitarre begleitet.
„Nun dürfte ich zum delikaten Diner in den kaiserlichen Speisesaal bitten.“
Allen voran der Staatskünstler defilierten sie an den Ort des habgierigen Geschehens.
Liebkind konnte seine malerischen Augen nicht fassen. Eine Verwüstung sonder gleichen, alles kaputt, und ein Gemenge, welches auf einige Brocken und Brösel starrte.
Der Polizeipräsident Bösel griff mit seinen Fingern nach den Körnern und dem Staub, und sagte nur zurückhaltend: „Das ist Terracotta. Der Cellini war eine Fälschung.“
Die Herumstehenden waren vor Entsetzen wie gelähmt.
„Eine Fälschung?“, schrie Dr. Wilfried Seipel und zog sich an den Haaren. „Wir hatten also all die Jahre eine Fälschung im Hause? Ich bin erledigt! Erledigt! Ich werde zurücktreten, ob Frau Ministerin Gehrer das will oder nicht.“
Da erschienen die Präsidenten der Vereinigten Staaten und des Königreichs Frankreich.
“Hey man, what's happening here?”
“It's a hoax, man”, sagte Jean.
“Can't fool me!”
„Je ne regrette rien“, meinte trocken Jacques Chirac. „Ca m'est bien égal.“
„Ich verstehe nicht“, murmelte Dr. Fischer zu seinem Protokollchef. „Wie konnte das nur sein?“
„Ich glaube, ich kann das erklären“, wandte John Liebkind ein. „Ich habe kürzlich in dem reichhaltigen Buch von Ernst Gombrich über den Manierismus nachgelesen. Demnach war Benvenuto Cellini ein gewitzter Gauner, ein wiffer Kerl mit Bauernschläue und Tücke. Nachdem er das Salzfass Franz I. von Frankreich 1543 abgeliefert hatte, war dieser zuerst hingerissen und begeistert. Doch bald tauchten unter den Hofdamen Gerüchte auf, dass das Gefäß eine miese Kopie sei. Das Echte hatte Benvenuto angeblich seiner Stieftante Estafana Maria Cellini geschenkt, im Austausch gegen einen Strandurlaub in Kalabrien. Bald danach wurde der Bildhauer von Franz I. verhaftet und in Ketten gelegt. Es wurde ihm der Prozess gemacht, aber er mußte mangels handfester Beweise freigesprochen weden. Doch die Fama verstummte nicht. Noch am Todesbett sprach Papst Klemens VII. mit erhobenem Zeigefinger zu seinem Ziehsohn Benvenuto Cellini: 'Si maremus hunc, negat artem falsica in eo. Benedico, ut silvimus morticus.' Ich glaube, das klärt einiges auf, oder?“
„Also waren alle Kunstexperten und Kunstprofessoren drauf reingefallen und priesen seit Menschen Gedenken eine Sekundarkopie im Kunsthistorischen Museum“, sagte der erleichterte Kommandant der österreichischen Bundesheeres. "Aber es war offensichtlich eine gute Kopie.“
Hofrat Dr. Seipel staubte sich ab und lud Christina auf einen Drink in die Ritzbar.
Der chinesische Außenminister wirkte etwas verloren, avancierte zum Mikrophon und sprach: „Und was ist mit mir?“
Dr. Fischer eilte zu ihm und Bush sowie Chirac gesellten sich zu ihnen.
„What say, we head over to McDonald's for a bite and a beer?“, schlug George Bush vor.
Alle stimmten zu und es gab viel Rückenklatschen, während Jean und seine Eltern sich daran machten das Chaos wieder zu ordnen. Sie hoben das zerbrochene Geschirr auf und versuchten es mit UHU wieder zusammen zu kleben. Doch das klappt nicht mit UHU-Alleskleber.
Den Verbrecherrowdies wurden Fingerabdrücke abgenommen und sie wurden ihrer Rechte belehrt. Doch Woroninski war durch das Fenster des chambre discrète entkommen.

John Liebkind wurde am Eingang von Ilse Puck erwartet.
„Na, wie ging es?“
„Gut, super! Mein Einstand is gelungen. Bogdan Roscic hat mir einen Plattenvertrag angeboten.“
Sie gingen Arm in Arm von dannen.
Dr. Heinz Fischer drehte sich noch um und rief: „Nehmt doch mein Auto! Gute Nacht und vielen Dank!“
Sie fuhren in der Nobelkarosse zur Secession und stiegen aus. Sie setzten sich auf die Parkbank vorm Verkehrsbüro.
„Ist das schön!", seufzte Frau Puck.
Sie blickten auf den Sonnenuntergang hinter der Secession und der Akademie der Bildenden Künste.
Er legte seinen Arm auf ihr bedecktes Knie: "Ich fahre morgen nach Madrid in den Prado, den einen Velasquez abmalen. Was kann ich Dir mitbringen?“
„Ja, da wär' etwas, was ich mir sehr wünsche.“
„Bin gespannt.“
„Wie im Bob-Dylan-Lied hätte ich gerne ein Paar Boots of Spanish Leather.
„Die bringe ich Dir gerne mit.“
„Aber echtes Leder, ja?“
„Natürlich echtes Leder.“
Sie gingen Richtung Oper.
„In der Liebe mag ich nur die Wahrheit. In der Kunst das Wahre und die Nachahmung.“
Die Sonne ging unter in der Donaustadt. Liebkind und seine Liebste wanderten entlang der Sachertorten und der verpackten Parfums zum Stephansplatz. Dort erklang die Pummerin zur Überraschung aller Anwesenden.
„Ohne Liebe gibt es keine Kunst, ohne Kunst keine Liebe“, sprach der Maler, schlug seinen Kragen auf und entrierte die Rotenturmstraße.
Es war höchste Zeit die Vögel zu füttern.

Szene XVI
Bei McDonald’s

“Pizza and beer for my friends!”, rief George Bush. „Aber sputet Euch!“
Sie setzten sich an einen freien Tisch.
„Ich wußte gar nicht, dass Du Deutsch sprichst“, sagte Dr. Fischer.
„Ich war in Yale und bin gebildeter als man es mir ansieht. Ich interessiere mich zum Beispiel sehr für Kunst. Ich habe schon viel über die schönen Malereien in Wien gelesen.“
„Paris hat die besseren Gemälde“, intervenierte Jacques Chirac, „aber in Wien gibt es die hübscheren Mädchen.“
„In Chi-Chi-China kennen wir aus Österreich nur Schiele und die Tierkalender von Go-Go-Gottfried Kumpf“, stotterte Sheng Zhou Hui verlegen.
Der Herr Bundespräsident kratzte sich am Kopf.
„Ich könnte Euch natürlich ins Kunsthistorische Museum mitnehmen. Wir könnten uns heute Nacht dort einschleichen. Ich zeige Euch dann unsere tollen Kunstwerke.“
“Sounds perfect!”, ereiferte sich der amerikanische Präsident.
„Je suis d’accord“, segnete Chirac den Vorschlag ab. „On y va!“
„Gibt es dort auch Schiele und Kumpf?“, fragte fast bittend der Mann aus dem Osten.
„Da muss ich Sie enttäuschen, aber laßt uns den angebrochenen Abend dem Anlass entsprechend feiern.“
Die vier stießen mit Ihren Bierlis an.
„Auf die Kunst!“
„Aux femmes famoses!“
„Auf den Frieden!“
„Auf internationale Völkerverständigung und das einfache Leben!“
Sie riefen dies lautstark durcheinander, sodass nicht ersichtlich war, wer was artikulierte.
Sie warfen den Kellnern ein paar Münzen zu und Dr. Heinz Fischer stellte einen Scheck auf eine hohe Summe aus. Er signierte mit seinem Siegelring und verwendete dazu Alt-Kremser Siegelwachs, welches Jacques Chirac mit einem Feuerzeug erhitzte.
Sie erstiegen einen Fiaker und Herr Bush ließ es sich nicht nehmen und setzte sich auf einen Gaul.
“Let’s head over to the big museum down yonder!”, befahl er in treffsicherem Ton und schnalzte mit der Zunge.
Dort angekommen zahlte diesmal Herr Chirac („Ich bestehe drauf“, intonierte er zögernd) mit seiner österreichischen Bankomat-Karte und dann kletterten sie auf’s Gerüst des Museums in der Babenbergerstraße.
„Ich glaube, das ist ein guter Weg reinzukommen“, flüsterte Herr Dr. Fischer, während er ein Fenster geschickt von außen öffnete.
Sie hupften hinein, glätteten sich die Haare und genehmigten sich eine Prise Schnupftabak.
Bush nahm aus seiner Hintertasche eine Taschenlampe und leuchtete in die Gesichter seiner Kohorte.
„Die hab’ ich immer dabei. Man weiß ja nie.“
„Finde ich cool“, entgegnete unser lieber Bundespräsident. „Leuchte mal auf die Bilder an den Wänden.“
Sie staunten nicht schlecht als ihnen echte Tintorettos, Bellinis, Tizians und Raffaels entgegenblinzelten.
„Diese Werke sind mehr wert als halb Ohio“, sagte offenherzig der französische Premier. „Da fährt die Eisenbahn drüber.“
Mister Bush nahm einen Kaugummi aus seiner anderen Hintertasche und behauptete: „Ich täte alles geben, ein solches Kunstwerk auf meiner Ranch zu besitzen. Mein dortiger Nachbar Riff Kerkel würde da große Augen machen!“
Auf einmal hörten sie ein quietschendes Geräusch. Alle erstarrten wie ein Eisblock. Sie drehten den Lichtkegel sofort ab.
„Wie pei-pei-peinlich!“ verhaspelte sich der Bundespräsident und die anderen stimmten in ihrer jeweiligen Landesprache zu.
Ein schmaler Schatten mit überdimensionalen Ohren erschien an der Hinterwand des angrenzenden Raumes.
Man hörte ein Nadel fallen.
Die vier potentiellen Potentate kauerten geschreckt in einer Ecke und zitterten am ganzen Leib.
Der Schatten auf dem Gemälde Sommer von Giuseppe Arcimboldo erinnerte Sheng Zhou Hui entfernt an die Bewegungen des Conferenciers am selbigen Abend.
Plötzlich fiel George Bush seine Bibel aus der Tasche, als er sich bückte und am Hinterbein kratzte.
Ein Fenster krachte im anderen Raum zu und himmlische Stille kehrte wieder ein.
„Ich weiß nicht auf was ich mich da eingelassen habe“, graute der Numero 1 im Staate. „Es war ja im Nebenzimmer, wo der Cellini entwendet wurde. Dort steht noch immer die leere Vitrine.“
Chirac sprach trocken: „Frau Ferrero-Waldner hätte niemals so etwas gemacht. Das muss man ihr lassen.“
Sie beäugten weiter die Corellis, die Van Eycks, die Breughels und die Van Dycks.
„Ich würde alles machen auf der Welt, wenn ich nur solch’ Schätze zu Hause hätte!“
„Ich mache Dir einen Vorschlag“, offerierte Dr. Fischer seinem amerikanischen Berufskollegen, während es sich die Herrenrunde in Empire-Sesseln von 1800 bequem machte. „Wenn Du aus dem Irak abziehst, schenke ich Dir das Kunsthistorische Museum samt Inhalt und Direktor.“
„Ich wollte da eh raus. Ich willige ein.“
„Nun gut, wir müssen hier nun auch schleunigst heraus.“
In der schrillen Ferne hörte man schon die Sirenen der Nachtpolizeiautos.
Dr. Heinz Fischer wählte eine Nummer auf seinem Handy und, während die anderen den Atem anhielten, meldet er sich mit: „Bruno, Du musst uns hier rausholen“, und legte auf.
Sie kletterten auf’s Dach und wurden fünf Minuten später von einem camouflagierten Helikopter abgeholt.
„Ich liebe Dich, Du holde Kunst!“, entfleuchte George Bush als ihm von einem G-Man geholfen wurde.
Leider rutschte bei dem Rettungsversuch der chinesische Außenminister aus und zerschellte am Boden in tausend Stücke. Wenig später wurden seine sterblichen Überreste im China-Restaurant Golden Turtle auf der Westbahnstraße in Wien-Neubau als „Gebratene Ente mit Nudeln“ serviert.
Die Herren Präsidenten kamen aber wohlbehalten am Dach der Pension Nossek am Graben an und spielten in der Lounge noch eine Partie Würfelpoker.
Sie tranken noch ein paar Achterln Zweigelt, bevor Bush sich in die Präsidentensuite zurückzog. Jacques Chirac spazierte zum Hotel de France, während Dr. Fischer sich etwas erschöpft, aber sehr zufrieden, in die Josefstadt begab.
Ein Bettler bat ihn beim Burgtheater um ein Almosen und er zückte ohne mit der Wimper zu zucken sein Scheckheft.
„Wir sind eine große Familie“, waren seine letzten Worte bevor er im suppigen Nebel verschwand.

Szene XVII
„Vielen Dank, dass Du mich zum Flugplatz gebracht hast.“
„Nichts zu danken“, sagte Ilse Puck.
„Schau mal, da ist ein roter Teppich!“
Ein dunkelbebrillter Typ schubste John Liebkind unsanft zur Seite.
„Der rote Teppich ist für die Präsidentschaft Bush. Troll’ Dich!“
Da bog gerade eine 10-türige, mit Blattgold belegte Limousine um die Kurve und hielt an. George Bush stieg aus und winkte der jubelnden Menge zu. Der erspähte er den Maler und rief: „Mr. Liebkind, wir haben uns leider gestern nicht mehr sprechen können. Ich danke Ihnen noch für das hübsche und heldenhafte Portrait.“
„Ich bin nur ein Handwerker. Ich kann keinen Dank annehmen.“
„Wären Sie so nett auch von meinem Vizepräsidenten Dick Cheney ein so erhabenes Konterfei anzufertigen? Ich würde es gerne über meinen Schreibtisch im Oval Office aufhängen. Auch von Arnie hätte ich gerne ein Bild, am liebsten einen Akt.“
„Ich bin derzeit total überlastet. Ich glaube auch nicht, dass Schwarzenegger Zeit hat, um mir Modell zu stehen.“
”John, I can understand. Nothing for ungood.“
Sie verabschiedeten sich schulterklopfend und herzerweichend, und Herr Liebkind ging Arm in Arm mit Frau Puck zur Pass- und Gepäckskontrolle.
„Ich liebe Dich. Pass gut auf Dich auf“, sagte Ilse.
„Bitte vergiss nicht für Pamina und Tamino neue Hirse zu besorgen. Ich liebe Dich wie das Paradies.“
Der uniformierte Zollbeamte beäugte das unförmige Paket, welches der Künstler bei sich trug.
„Wos is’n da drin?“ erkundigte sich der Staatsbeamte.
„A Statuette. Nix b’sonders“, replikazierte der Staatskünstler.
„Wohl a Schmarrn, huh?“
„Sie sagn’s.“
Mit einem wohlwissenden Wink ließ er John Liebkind passieren. Dieser ging bedachten Schrittes zum Do & Co Stand, kostete von der Languste mit Sauce Tartare und begab sich dann zum Gate A 4.
Dort sah er noch wie sich die Air Force One in die Lüfte erhob und die kleinkarierte Gegend hinter sich ließ.

Szene XVIII
John Liebkind pustete die Hendln weg von seinem Nebensitz im Autobus. Er war auf der Fahrt nach Oivedo und überprüfte nochmals seine Landkarte.
Er schaute aus dem Fenster und sah Olivenhaine, welche sich der Küste entlang erstreckten. Der Weitgereiste nahm einen Schluck Chianti aus seiner Thermosflasche und bemerkte, dass David Copperfield den Bus lenkte.
„Siamo baldo in municipiensis Oivedo, amigos!“ rief dieser angeheitert in dem diesem Landstrich eigenen, spanischen Dialekt.
Die Bremsen quietschten und der Maler hupfte heraus bevor das Gefährt zum Stillstand kam.
Er studierte konzentriert seine Anweisungen auf einem Blatt Papier.
„Zwei mal nach rechts, dann die Steigung hinauf, dann den Fluss überqueren“, murmelte er in seinen Bart. „Dann entlang des Gabriela-Sabatini-Pfades bis zur Einhorn-Gabelung.“
Er trug ein klobiges Paket in einem Billa-Sackerl. Er pfiff die Melodie von ABBAs Take A Chance On Me und zwirbelte seinen Gehstock während er avancierte.
Er sah von der Ferne ein weißes Einhorn und daneben saß ein mustachierter und couragierter Mann.
„Ich bin Arthur Guichard, der Oberaufseher des Musée d’Orsay und seit voriger Woche Stellvertretender Kulturminister“, sagte dieser unaufdringlich, als Liebkind approchierte. „Ich bin ein persönlicher Freund von Monsieur Chirac und beauftragt Ihnen für das Original der Cellini-Bronze 30 Millionen Euro zu bieten. Ich habe das Geld dabei.“
„Nehmen Sie das Geld wieder mit“, entgegnete mit Gefühl der Angesprochene. „Überweisen Sie morgen bei der Crédit Lyonnais 40 Millionen Euro an die Médecins Sans Frontières und das manieristische Meisterwerk gehört Ihnen.“
„Das französische Volk wird stolz sein. Ich bin einverstanden. Ihr Direktor vom Kunsthistorischen wird vielleicht etwas enttäuscht sein, weil er durch die Finger schaut, aber ob die Skulptur nun im Louvre steht oder in Wien ist auch schon wurscht.“
sein, weil er durch die Finger schaut, aber ob die Skulptur nun im Louvre steht oder in Wien ist auch schon wurscht.“
„Eins noch“, sinnierte Liebkind und riss die Statue zurück als Guichard in froher Erwartung danach griff. „Eine Million hätte ich gerne in Cash für meine Spesen.“
„Na gut“, sagte die Numero 2 der affaires culturelles in Frankreich und stopfte Liebkind den Betrag ins Billa-Sackerl. Er nahm das verschnürte Päckchen an sich.
„Au revoir!“
„A bientôt! Kommen Sie doch zur Vernissage von Cellini, wie er leibt und lebt im September nach Paris! Sie müssen unbedingt unser Ehrengast sein!“
„Gibt es auch eine Matisse-Ausstellung?“
„Ja, im Grand Palais.“
„Gut, dann komm’ ich. Bereiten Sie alles vor.“
John Liebkind machte die Plastiktüte mit einem Eduscho Aroma Clip zu und marschierte fröhlich bergab.
An einer Bergeskante machte er es sich gemütlich und setzte sich nieder auf eine Bank. An der Lehne war ein Messingschildchen angebracht mit der Aufschrift Dr. Ernesto Gradini assissi hierortos in Januaris 18, 1898.
Ein Pferdehändler mit einem tragbaren Ofen kam vorbei und sie grüßten einander höflich.
„Saluas!“
„Saluas aucho tuo padre filios!“
Der einfache Mann, ein Einwohner von Oivedo namens Gogno, offerierte John Liebkind einen Hot-Dog aus seinem Ofen.
Da der Maler kein Kleingeld bei sich hatte, öffnete er verschmitzt das Geldsackerl, um einen Euro heraus zu fischen.
Just in diesem Moment kam ein „passerby“ des Weges, welcher den Maler instinktiv erkannte.
„Sie sind ja der glücklose Malergeselle vom Wiener Stadtzentrum!“ rief der Selbstbewußtsein ausstrahlende Mann.
„Ja, was in der Welt machen Sie denn da?“ stammelte unser Held, als er Karl-Heinz Grasser vor sich sah. „Wie kommen Sie denn hierher?“
„Ich bin auf geheimer Mission“, flüsterte dieser in dem schon erwähnten Kauderweltsch. „Aber ich wollte Sie eh kontaktieren.“
„Ja, waren Sie zufrieden mit dem Portrait?“
„Ja, hochkontent. Doch der verlangte Preis behagte mir nicht ... ich habe von Ihrer Einkommensteuererklärung gehört ... könnten Sie da nicht Ihre Rechnung etwas reduzieren?“
„Aber ich verdiene ja nichts. Ich habe es Ihrem Beamten ja erklärt.“
„Das soll ich alles glauben? Denken Sie denn, ich sei blauäugig?“
„Nun gut, ich geb’s Ihnen um 40000 Euro. Das ist zwar unter meinem üblichen Preis,
aber ...“
„Ich habe gedacht Sie verdienen nichts?“
„Noch nicht. Aber ich habe vernommen, Sie kommen Ihrer Steuerpflicht auch nicht nach?“
„Quod licet Iovi, non licet bovi.“
„Schaun Sie, schaun Sie! Sie verschaffen mir den Auftrag das Finanzministerium auszumalen und ich überlasse Ihnen das Gemälde.“
„Gut ... übrigens was machen Sie eigentlich da?“
„Ich wollte ins Prado mich erkundigen wegen einem Velasquez, aber ich habe mich verfahren.“
„Um 1500 Kilometer?“
„Wo ein Herz wohnt, gibt es keine Ferne. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Geheimaufenthalt“, verlispelte sich Liebkind auf potscherte Art, als er die gräfliche und dralle Verlobte des Finanzministers erblickte, welche um die Ecke promenierte.
Sie verabschiedeten sich mit einem „Give me five!“-Handschlag und trabten in unterschiedliche Richtungen davon.
Einer mit einer Million, der Andere mit einer Million Sorgen und einem Milliardenkonto.

Gogno saß noch dort, ganz ruhig, zählte seine Münzen und verfluchte den Herzog von Parmechino, der gegen ihn Exekution führte wegen rückständiger Miete. Er hatte keine Ahnung, dass er mit einem Steuerhinterzieher und einem plumpen Fälscher auf einer Bank gesessen war.
Das wäre ihm unerträglich gewesen. Er schulterte seinen heißen Ofen und machte sich auf ins Tal.
Es war höchste Zeit die lieben Pferde zu füttern.

Szene XIX
„Was ist denn da für ein Riesenkrach?“ donnerte Wilfried Seipel, als der Oberaufseher des Kunsthistorischen Museums in sein Büro eintrat.
„Es stehen rund um das Museum Bagger und Kräne“, antwortete stockend Anton Wabel. „Es kreisen Helikopter und Militärflugzeuge mit dem US-Wappen über uns. Ich weiß nicht, was das soll!“
„Wieso reagiert nicht unser Sicherheitsdienst? Für was haben wir ihn denn?“
„Die Leute vom Wachdienst haben angenommen, es sei falscher Alarm.“
Da klingelte das Handy vom Direktor. Die Melodie von Spiel mir das Lied vom Tod erklang digital verzerrt.
„Hallo? Wer da? Ah so, Sie sind’s. Ich begrüße Sie herzlich und mit was kann ich dienen? Wie bitte? Schlechte Nachrichten? Wie? Was? Ich soll nach Amerika versetzt werden? Ich bin doch hier verwurzelt. Wie? Das ganze Museum kommt nach Texas? ‘Tschuldigen, ich hör’ schlecht. Hier ist ein toller Krach. Was? Bush läßt das ganze Museum ausgraben und mit einem Flugzeugträger rüberbringen? Wie? Was? Die Flugzeuge heben es hoch und bringen es auf’s Schiff? Ich glaub’, ich spinn’! Und ich soll mit? Sie haben mich eingetauscht? Na, da werd’ ich noch mit meinen Freunden sprechen!“
Er schmiß das Handy verzweifelt auf Herrn Wabel, der sich duckte. Das Sprechgerät traf das Gemälde Diana beim Bade von Peter Paul Rubens am Po der besagten Dame, wo es den Aufdruck Nokia SG2 in violetten Lettern hinterließ, bevor es zu Boden fiel.
Da läutete vehement die Alarmanlage.
„Wir müssen hier raus!“ rief der treue Wabel.
„Ich bleibe hier. Ich gehe unter mit meinem Schiff oder fliege durch die Lüfte. Is’ wurscht!“
„Kommen Sie doch! Was ist, wenn die Flugzeuge, die das Museum transportieren, Probleme bekommen? Das Museum zu schwer ist? Dann stürzen Sie samt Ihren Gemälden vielleicht ab auf Gumpoldskirchen!“
„Einen guten Schluck Wein könnt’ ich schon vertragen. Verbinden Sie mich bitte sofort mit dem UN-Generalsekretär! Ich habe auch meine Rechte!“
„Das Handy hat leider den Löffel abgegeben. Kommen Sie doch! Seien Sie vernünftig!“
Da gab es plötzlich einen Ruck und, wie einst Nils Holgersson mit den Wildgänsen, erhob sich das Traditionshaus, welches Karl von Lothringen kürzlich bei Gericht zurückgefordert hatte, zügig in die Lüfte über Wien. Die japanischen Touristen staunten nicht schlecht, als der Hort der hochbildenden Schätze Richtung Krems davonflog und sie zückten ihre Nikon Coolpix Kameras im Akkord.
Der Oberaufseher Wabel meinte nur trocken zu Direktor Seipel: „Wir sollten schleunigst Englisch lernen“, und sie genehmigten sich ein Stamperl Cognac aus der Wandbar, während sie über Schönbrunn und Pechlaners erfolgreichem Zoo entschwebten.
Der hoffnungsschöpfende Herr Hofrat entgegnete nur: „Wir werden in Amerika ein Hit sein. Wir nehmen ein paar Arik Brauers und Hutters in unsere Sammlung auf und die Sache ist geritzt.“
Anton Wabel war weniger optimistisch und machte vorsorglicherweise alle Fenster zu.
„Wir haben nicht einmal unsere Pässe mit und Visas haben wir schon gar keine“, sagte er und winkte beim Vorbeifliegen einer hübschen, jungen Besucherin des Cafés im Donauturm.
Dr. Wilfried Seipel fing an sich mit seinem akkubetriebenen Braun Sixtant X6 vor dem Spiegel zu rasieren. Er konterte nur: „Wir werden sehen. Es wird sich alles weisen. Alles findet einen Weg.“

Szene XX
Am nächsten Tag war die Hölle los in der Bundeshauptstadt Wien. Über Nacht war die Irakokkupation von der USA für beendet erklärt worden, doch niemand scherte sich darum.
Minister Böhmdorfer trat z. B. um 9 Uhr früh von allen Ämtern zurück. Stadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny wurde wegen der plötzlichen Abwesenheit des Herzstücks Wiens, der Loca Sancta der heiligen Kunst, zum Rücktritt aufgefordert, doch Bürgermeister Häupl übernahm die politische Verantwortung und nahm seinen Gemeinde-Hut. Der Verfassungsgerichtshof tagte ohne Unterlaß und der Polizeipräsident überlieferte dem Bundeskanzler der ÖVP einen stündlichen Rapport.
Doch niemand wußte was passiert war. Jemand hatte das Kunsthistorische samt Dr. Seipel, Anton Wabel und sonstigem Inhalt gestohlen, ja entwendet durch einen gewifften Coup ohne Gleichen.
Der Bundespräsident war der Einzige, der wußte was geschehen war. Doch er mußte schweigen. Schweigen wie Gary Cooper oder wie Bogart in „Die letzte Straße von Medina“. Sein schweres Amt lastete auf ihm. Doch er wußte - er tat Gutes. Wie James Stewart in dem Hitchcock-Film mit den Stiegen, den Pedro Almodóvar zitiert hatte.
Da läutete bei ihm das rote Telefon und André, der Protokollmeister, bat ihn in die Hofburg, um Frau Magister Karin Miklautsch anzugeloben. Dr. Fischer äußerte noch den Wunsch die Haus- und Hofastrologin zu empfangen, nahm seinen Hut und spazierte die Josefstädter Straße Richtung Glaspalast hinunter.
Vor dem Parlament angekommen, sah er einige hunderttausend Schaulustige vor einem tiefen Krater beim vormaligen KHM stehen. Michael Niavarani sprach gerade zur Menge mit einem Megaphon.
Er ging weiter und trat ein in die Hofburg, wo John Liebkind beschäftigt war an einem Deckengemälde für Obdachlose zu arbeiten. Wie einst Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle lag er auf einem Gerüst in 130 Meter Höhe auf dem Rücken.
„Hallo John!“, rief Dr. Heinz Fischer hinauf.
„Ich begrüße Sie. Haben Sie schon die Neuigkeiten aus der USA gehört?“
„Ja, das habe ich. Dennoch werde ich nun die Staatsastrologin fragen, wie es die Sterne mit uns meinen.“
„Bitte berichten Sie mir später. Ich habe vernommen, dass sowohl unsere Stadt- als auch die Republiksregierung zurückgetreten sind.“
„Es spitzt sich zu. Und alles wegen ein paar überladener Schinken. Also bis gleich.“
Heute gebot es sich Dr. Fischer die berühmte Adlerstiege zu Fuß hinaufzugehen und er optierte gegen den Aufzug.
Oben wartete schon Esmeralda von Wittgenstein. Dr. Fischer setzte sich zu ihr und sie nahm seine rechte Hand. Ihr zur Seite stand eine Kristallkugel, groß wie ein Prohaska-Fußball, handgefertigt von Walter Svarovski.

Szene XXI
Dr. Wilfried Seipel, emeritierter Professor für Meeresbiologie und vergleichender Pia-Statistik, schaute aus dem Fenster auf die ozeanigen Felsen.
Ihm fielen die Zeilen von Samuel Coleridge ein:
Water, water everywhere, but not a drop to drink.
Er war an der rockigen Küste von Schottland angelangt und er genoß den wunderbaren Ausblick von Island bis runter zu den Azoren. Er atmete tief ein und erbrach in ein breites und zufriedenes Lächeln, als die Flugzeuge, die das Kunsthistorische Museum an der Leine hatten und mithievten, in einem weitläufigen und sanften Winkel die Kurve kratzten und wieder Kurs auf Österreich nahmen. Fünf Minuten später sah er die englische Königin vom Schloß Balmoral heraufwinken und er schickte Kußhändchen retour.
Fünf Minuten später sah er die englische Königin vom Schloß Balmoral heraufwinken und er schickte Kußhändchen retour.
Dr. Seipel hatte seine Beziehungen spielen lassen und einige Telefonate mit gewissen gewichtigen Personen auf dem wieder erstarkten Handy geführt (es war nur die SIM-Karte verrutscht). Im Nu wurde das Weiße Haus informiert, George Bush verbeugte sich einige Male vor dem Telefonhörer und entschied, die Pläne mit dem KHM sein zu lassen und es retour in die Heimat zu schicken.
Der Chef des Pentagons funkte den Befehl sofort an die Flugkapitäne, welche die ca. 100 Jumbos pilotierten.
“Should we simply cut the ropes?“ fragte der Irakveteran Eugen O’Hara vom Cockpit.
“No, under no circumstances!“ antwortete der 4-Sterne General. “Bring it back to Vienna, the City of Music!“
Der Herr Direktor mixte seinem Assistenten einen Drink.
„Trink, Wabel, trink! Wir werden Helden sein! Man wird uns hofieren!“

Szene XXII
Esmeralda sprach gerade zu unserem besorgten Bundespräsidenten: „Manches wird sich zum Guten wenden, aber ...“
Da klopfte es an der Tür und der Stallbursche Jean ließ John Liebkind eintreten.
„’Tschuldigen, wenn ich störe, aber ich war neugierig und wollte auch zuhorchen.“
„Kommen Sie nur, John! Seien wir doch per Du. Ich heiße Heinz.“
„Sehr erfreut. Das finde ich sehr nett.“
„Also, Heinz und John“, setzte Esmeralda fort. „Schauen wir doch in die Kristallkugel ... alles Gute kommt von oben ... man muß Geheimnisse bewahren ... man darf die Hoffnung niemals aufgeben ... außer man hat bei einer Kontrolle den Straßenbahnfahrschein zu Hause vergessen ...“
Da erschütterte ein Gerucke die Hofburg und sie spähten zu dritt aus dem Fenster. Das KHM war wieder da. Als wär’s nie weg gewesen. Genau in die Grube. Amerikanische Präzisionsarbeit.
Die Menschenmassen und vor allem Michael Niavarani, welcher im letzten Moment von der improvisierten Bühne im dem großen Schotterloch entwichen war, fielen auf ihre Knie und küßten den Boden in einer tiefen Verbeugung als Anton Wabel am Balkon erschien und wie Figl anno 1955 herunterwinkte.
Dr. Fischer und Liebkind stürzten aus der Hofburg und rannten zum Schweizer Tor. In der Schatzkammer entnahm der höchste Würdenträger mit Hilfe des Präsidentendietrichs die Kaiserkrone Rudolfs II. aus der Vitrine und sie liefen, so schnell sie ihre Beine tragen konnten, über die Ringstraße.
John Liebkind hielt Dr. Fischer die Türe zum Kunsthistorischen Museum auf und die beiden eilten die Prachtstiege hinauf, vorbei am Theseus von Antonio Canova. Sie kamen gerade rechtzeitig an, als Dr. Wilfried Seipel, Direktor der ehrenwerten Sammlung, vor die Menge trat.
John Liebkind entsicherte den Säbel von Francois I. aus dem Rüstungskammerschrank und just als Seipel dachte, er werde ihn erstechen, legte der Maler das Utensil auf die rechte Schulter des Meeresexperten. Der Bundespräsident fischte die Kaiserkrone Österreichs hinter sich hervor und setzte sie dem überraschten Hofrat auf den Kopf.
„Tu erit in ultimo regens Franciscus. Sit gloria tua in urbe et orbe!“
Die inzwischen auf dreihunderttausend angewachsene Menschenmolasse, eine Anzahl gleichauf dem Lichtermeer von 1993, jubelte dem neuen Monarchen zu.
Dr. Seipel hoffte in diesem Moment insgeheim auf einen vererbbaren Titel, da sein Neffe Rudi keinen zumutbaren Job finden konnte.
Er streckte die beiden Arme gen Himmel.
„Ich werde gütig herrschen und die Kunst mit mir!“
Die Fotoreporter scharten sich schon um ihn. Seine Frau stürmte heran und busselte ihn ab. Birgit Fendl bannte sich einen Weg durch die Menge.

Nur Esmeralda schaute zweifelnd hinüber vom Fenster der Hofburg. Die ersten Schneeflocken kamen herab, obwohl es erst Mitte August war. Sie setzte sich und blinzelte in die Kristallkugel.
Was sie wohl dort erblickte? Nur sie weiß dies und nur sie.
Sie würde nach Spanien zurückkehren, dachte sie. Nach Oivedo. Dort waren die Menschen noch natürlich.
Gogno würde sich sicher freuen. Sie könnte wieder auf seinen Pferden über die Felder und in die Wälder reiten.
Sie konnte sowieso nichts ändern, Dr. Fischer war ein wunderbarer Präsident, aber was würde die Stadt Wien ohne Michael Häupl machen? Selbst mit einem Regenten wie Dr. Seipel würde ein Vakuum verbleiben.
Sie bewunderte im Hinausgehen das Deckengemälde von John Liebkind auf der Kuppel des Untergeschosses. Es zeigte ein Pferd, einen silbernen Löwen und erklärungswürdige, dunkelblaue Schriftzeichen.
„Quantum entrato distilla“, sprach sie leise vor sich hin. „Necum vistibus altro.“
Sie begegnete Ilse Puck bei der Meierei im Volksgarten und zog ihren Schlapphut.
„Komische Person“, dachte sich noch Frau Puck und begab sich zum Bellariator, um Ihren Malerfreund zu suchen.
John war gerade dabei, wieder auf das Gerüst zu klettern.
„Ich habe eine Überraschung mitgebracht für Dich“, sagte Ilse.
„Es hat sich alles geändert“, sagte der Staatskünstler.
„Nichts hat sich geändert“, meinte seine Freundin.
Liebkind erstieg die letzten Sprossen und legte sich wieder nieder auf die Planke. Er fing an bei den Ohren des Pferdes weiterzumalen.
Darweil nahm Frau Puck die Decke von dem mitgebrachten Korb, die beiden Wellensittiche Pamina und Tamino guckten hervor und nahmen von Ilses Hand je ein kleines Linzer Auge in ihre Schnäbel.
Sie flogen zum Malermeister empor und brachten ihm die Leckerbissen.
Er bedankte sich herzlich und rief hinunter zu Ilse: „Manche sind unten, manche sind oben. Die Tiere zeigen uns, wie wir wirklich sind.“

In der Kuppelhalle stand unten im Eck schon seit einiger Zeit Luo Fang Hua, der Geschäftsführer des China-Restaurants Golden Turtle von der Westbahnstraße. Er wartete darauf, dass John Liebkind herunterfiel von seinem engen Holzbrett. Dann würde er ihn seinen Gästen als Buddhistische Fastenspeise servieren.
John Liebkind ließ sich nicht beirren. Nur wer hoch hinauf kommt, kann auch tief fallen.

Die Kunst zu leben, ist das Leben der Kunst.
Ars vitae, vita artis.
Das Leben mit Sinn erfüllt die Kunst mit Leben.

Nisi dolens partitur ibi,
Quamquam in soleo vitribitur tentus.
Tempora questurans, quod nihil crescit.
Aurora succedit gratia deo.









Deutsch | Endlich der Nobelpreis für Literatur!