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 KURZGESCHICHTEN
Deutsch

ENDLICH DER NOBELPREIS FÜR LITERATUR!
 

A. Im Café Griensteidl

Das erste Mal schnupperte ich den Erfolg, als ich ein Achterl Zweigelt im Griensteidl bestellte.
Ich verdrehte die Augen, faltete meine Hände ineinander und betete einen Rosenkranz.
Ja, dort saß Peter Pilz. Mein Idol.
Ich erhob meinen Hosenboden und schlenderte an seinen Tisch.
Zwei Damen hatten schon Platz genommen an seiner Seite und häkelten an Pullovern und Knieschützern.
„Hello, mein Nationalrat!“ rief ich ihm zu. „Ich habe Sie gewählt!“
„Det ist fein“, meinte er nur, und zwirbelte an seinem neugesprießten Schnurrbart. „Was kann ich für Dich tun?“
„Ich hätte eine Idee, wie die Grünen auf Stimmfang gehen können, natürlich ganz politically correct.“
„Na, schieß los!“ intonierte er und schnalzte mit der Zunge.
„Ich habe einige Gemälde angefertigt, welche als Wahlplakate dienen könnten: ‘Wählt Cool! Wählt Grün!’, ‘Wie eine kühle Brise ... wählt Grün!!!’, und so weiter in dieser Gangart. Und fein gesponnene Gedichte mit Umweltgedanken. Möchtest Du eines hören? Ich rezitier’ es Dir!“
Die eine Dame trank ihre heiße Schokolade plötzlich ex, überschüttete sich mit triefender Kakaobrühe und lief aus dem Traditionscafé ohne die Rechnung zu begleichen.
„Wer zahlt’s?“ rief der Kellner Frantisek.
Ich räusperte mich und fasste mich, gegen Tränen ankämpfend:

Der braune Sumpf ist unsre Last
Den wir bekämpfen ohne Rast.
Es sei der Spruch in aller Munde:
‘Sumpfblüten brauchen wir gesunde’


Peter Pilz warf seine Baskenmütze in die Luft. „Das ist ja kolossal!“ jauchzte er. „Ein Hoch dem schneidigen Ausdruck, der gewieften Wendung! Wir könnten durchaus gemeinsam eine Veranstaltung auf die Beine stellen zur Unterstützung der Grünen im Nationalratswahlkampf.“
Ich zückte den Vertrag für die Miete des Palais Palffy aus meiner Westentasche und unterbreitete ihn zur Unterschrift. „Ich habe alles vorbereitet. Wir präsentieren in einem imperialen Rahmen Bilder und Gedichte über die Alternativen zu Bonzerei, Kfz-erei und wässrigem Einheitsbrei.“
Die zweite Dame kotzte sich an und wurde von ihrem Hund mittels der Verbindungsleine aufs WC gezerrt.
„Wer zahlt’s?“ entglitt es dem erzürnten Ober.
„Sie zahlt selber“, entgegnete der altgediente Nationalrat, der die ersten Ansätze von Geheimratsecken aufwies. „Zuerst putzt sie sich, dann zahlt sie. Auch meinen Kaffee.“
„Nun?“
„Gut, ich unterschreib’. Ich mag zwar grundsätzlich keine Verträge...“
„Es gibt eine günstige Rücktrittsklausel.“
„Sie müssen aber viele Gedichte und Gemälde vorbereiten. Und damit ordentlich anecken.“
„Sie sind ein Schatz!“
Ich nahm den unterzeichneten Vertrag an mich, lüftete meinen Stoakoglerhut mit Feder und spazierte hinaus in die nie wieder marxistische Welt.
Ich hatte meinen Vater, meinen Großvater und meine Gevetter hinter mir gelassen.

B. Buchhandlung Morawa

Ich nahm Platze am Tische, wo sich schon Udo Jürgens auf den Ellenbogen gestützt hatte.
„Wir präsentieren Ihnen die erste Lesung unseres Jungautors Zwiebel.“
„Meine lauschigen Gäste, ich begrüße Sie mit ungewohnt harschen Worten. Aber die Zeit ist reif. Ja, überreif! Wir müssen unseren Worten Taten folgen lassen. Oder präziser gesagt: Unseren Worten sollen Worte folgen. Hier ein Beispiel:

O Blumenduft! Zarte Eulalie der Zypressenblüte! Darf ich Dir das Mysterium erklären? Die Nationalratsmitmenschen wissen weder ein noch aus, wenn Du eintrittst in ihrer Menge Mitte. Du Tochter des besonderen Geschmacks, ohngleichen zwischen Samarkand und den südlichen Küstengewässern von Fuerteventura! Ohn’ Subvention gestaltest Du die elysischen und elyseéischen Düfte der gemeinschaftlichen Sitzung. Ich nähre mich an Deinen zärtlichen Blicken ...

Da unterbrach mich Frau Morawa und gestikulierte mit Ihren Augengläsern. „Dämpfen Sie Ihre Ausdrücke! Wir sind hier kein Haus der Riechorgane! Heribert, bringen Sie mir den Orchideenfächer!“
„Was soll’s?“ warf ich ein. „Ich bin eben artikulat.“
„Seien Sie nicht so vorlaut, Sie junges Gemüse“, sprach wehrhaft Dipl. Ing. Kurt Morawa. „Hier im Hause waren schon ein Prohaska, ein Werner Schlager, ja ein Johann Gottfried Herder zu Besuch!“
„Sie werden es nicht wagen, mich mundtot zu machen. Ich warne Sie, ich geh’ zur Konkurrenz und lasse dort meine Bücher und meine Teppiche verlegen!“
„Sie! Sie! Sie sind ein wahres Enfant terrible der Kunstszene! Sie! Sie! Ein Dadaist sind Sie!“ schrie Inge Morawa, die weder verlegene noch verlogene Nichte des Wollzeile-Liegenschafts-Barons.
„Nackt sind Sie! Ohne Moral! Hinaus aus meinem Haus, dem Ort der geistigen Blüte! Der Wiege Canettis. Dem Horte Camesinas. Der Heimat Racines. Entziehen Sie sich meinen Blicken!“
Ich hob den Zeigefinger meiner rechten Hand gen Himmel und exklamierte: „Ich schwimme gegen den Strom! Ich weiche der Gewalt.“
Und als ich die Eingangstür hinter mir zuknallte, hörte ich noch wie der alte Morawa mir nachrief: „Aber in diesem Flusse schwimmst Du nicht zum zweiten Male!“
Selbst in Shakespeare-Dramen enden Auftritte oft mit „Exeunt“.

C. Im Stadtpark

Ich ging mit Bello im Park spazieren. Eigentlich ging ich mit zwei Bellos dort spazieren. Mein Hund lief den Enten nach und schnappte nach Wasser, Professor van der Bellen wollte mit mir Details der Kampagne für die Wahl besprechen und meine neuesten Gedichte hören.
„Sie lieben die Natur, mein Guter? Stimmen Sie grün?“
„Ich bewege mich zwischen den Welten. ‘Fisch und Fleisch’ ist sozusagen meine Devise“, erwiderte ich. „Ich lebe in der wörtlichen Welt. Das meine ich wörtlich.“
„Transzendieren Sie doch in das reale Leben: Springbrunnen, Rapsfelder, Tulpenkinder, Migrantenzwistigkeiten, Einspänner und Jubilare.“
„Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht. Und fühle mich hier wohl in der Sphäre des Sphärischen. Ich werde es Ihnen im Palais Palffy demonstrieren. Beim jetzt schon legendären Auftritt, unter dem Slogan ‘Steck Dir keine Bohnen in die Ohren! Wähle Grün!’“
Far out!“ rief der meritierte Professor. „I can dig it! Sie verstehen uns gut. Lassen Sie Ihre alte Heimat hinter sich, kommen Sie mit uns an die Grenzen des Machbaren und der Wahrnehmung!“
Ich stolperte über ein Dreirad, als wir uns vom See mit den Schwänen abwendeten.
„Bitte verzeihen Sie meinen Knirps!“ entschuldigte sich eine montenegrinische Mutter.
„Ich segne ihn“, sprach mein Begleiter und machte das Zeichen des Davidsternes. „Er ist ich, und ich bin er.“
Sie dankte es ihm und küsste ihm mit einem Knicks den gefalteten Handrücken.
Ich lenkte den ungezähmten Pfarrer zum Würstelstand in die Johannesgasse, neben die Jugendstil-Plastikgebilde.
Er verlangte eine Semmel mit grünem Salat, während ich mir ein Packerl Feh gab.
„‘Großvater ...’“, besang er mich zur Melodie von STS. „‘...I mecht Dir sovül sagen, was i erst jetzt versteh: Du warst mei erster Freund und des vergiß i nie’. Wir brauchen Sie, um in die Regierung zu kommen, Sagen Sie ‘Ja’!“
„Ich habe schon längst ‘Ja’ gesagt. Im PalPal wird’s sichs ordentlich abspielen.“
„Werden Sie dort beim Einlaß Falco spielen oder Kylie Minogue?“
„Nichts wird verraten. Außer dem Slogan.“
„Ja, ich weiß, Sie haben’s ja vorhin gesagt: ‘Steck Dir keine Zitronen in die Ohren! Wähle Grün!’“
„Ich dachte eher an: ‘Steck Dir keinen Bohnenauflauf in die Ohren! Wähle Grün!’“
„Wie immer“, meinte der mittlerweilen ergraute Professor. „Gehen wir doch in den Literatenzirkel am Heumarkt, oder? Was meinen Sie?“

D. Im Literatenzirkel zum Zweig

„Eure Holdigkeit!“ rief Robert Menasse, als wir eintraten und die Stufen hinunter stolperten in die Dunkelheit.
„Grüß Sie alle! Meine Freunde, ich möchte Euch den schillernden Nachwuchs der geflügelten Poesie vorstellen: Herrn von Zwiebel. Lassen Sie sich beflügeln!“
„Danke, Eure Wertigkeit“, meinte Karl-Markus Gauß trocken, reichte dem Professor einen Stuhl und wandte sich mir zu: „Seid willkommen in unserem erlauchten Kreise. Ich hoffe, Sie sind nicht grün hinter den Ohren.“
„Na, braun bestimmt nicht“, konterte ich gekonnt und nahm einen Schluck aus meinem Flachmann.
„Sie sind ja etwas flachbrüstig“, interjektierte Elfriede Jelinek. „Die alten Griechen würden Sie aus der Stadt vertreiben.“
„Komisch...“, pensierte Karl-Heinz Grasser, der nirgends fehlen durfte, runzelte die Stirn und schnupperte mit erhobenen Nasenflügeln.
„Es riecht nach Zwiebel!“ kreischte Brigitte Hamann.
Nomen est omen“, seufzte Alexander van der Bellen, lehnte sich entspannt zurück, seinen Schnurrbart zwirbelnd, und fiel prompt nach hinten um.
„Eure Pri-, Pri-, Prinzipienfestigkeit! Lasst Euch wieder auf die Beine helfen!“ stotterte betroffen Ministerin Elisabeth Gehrer, die bei einem Treffen der hochkarätigen Literaturkünstler ebenfalls nicht durch Abwesenheit glänzen durfte. „Ich habe vernommen, Herr Professor, Sie werden in Ihren Wahlreden Ovid und Cicero zitieren: ‘Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo...’“
„Ja, ich werde die goldene Zeit vor dem Advent des Autos und der Fabriken preisen. Damals, wo alle nackt waren.“
„‘Nackend’ nennt man das“, kommunizierte Georg Markus, der renommierte Kolumnist.
„Perverse Gepflogenheiten“, seufzte Elfriede.
„Die mens sana muss zurückkehren“, setzte der bullige Lehrbeauftragte fort. „Wir müssen alles investieren in den grünen Sprit, der uns in die Regierung katapultiert.“
Vivat!“ riefen alle unisono.
Nur von Zwiebel (ich) war absent, und prüfte gerade Elisabeth Gehrer das große Einmaleins.
„Wir müssen alle unsere alternativen Energien bündeln und mit voller Kraft voraus, darf ich sagen mit 160 km, die Krone der Mächtigkeit erringen!“
„The king is dead. Long live the king!“ hallte es tausendköpfig durch die düsteren Räumlichkeiten, wo Licht so selten anzutreffen war wie eine Kellnerin oder ein Bediensteter. Alle kletterten auf die Interio-Tische und tanzten den Lambada.
Da machte auch die Ministerin mit. Karl-Heinz Grasser lebte auf und wurde quirlig.
Der Klubchef nahm die Mandoline von der Wand und fing an den One Note Samba (eigentlich ein Bossanova) zu zupfeln.
Grasser zuckte aus und wirbelte Frau Gehrer in der Luft herum.
„Mir geht die Puste aus“, pustete sie.
„Mir geht die Puste aus“, pustete sie.
Ich zupfte den Professor am Ärmel und nahm ihn beiseite. „Das ist kein Leben für mich. Gehen wir! Nix wie weg!“
„Das ist meine Welt“, entgegnete der Weise, der niemals in einem Weisenrat gesessen war.
„Es ist mir zu mittelbar. Ich weiche“, sagte ich und setzte meinen Petitpoint auf. „Wir sehen uns nächste Woche bei meiner Lesung chez Schaden, OK?“
„Ich bin dort. Leben Sie wohl, Sie überdrüber Gus-Backus-Bewunderer.“

E. Mein erstes Treffen mit dem Literaturpapst

Der Herbstwind blies heftig und der Himmel war aschengrau. Ich bog in die Wittelsbacher Straße ein und hielt meinen Regenhut fest in die Stirne. Endlich fand ich die gesuchte Nr. 184. Überraschenderweise war es kein irdischer Palastbau, sondern eine schlichte, zweistöckige Hütte, belegt mit Lebkuchen wie in der Erzählung Hänsel und Gretel.
Auf mein emsiges Klopfen öffnete eine ältere, gebückte Frauengestalt, welche ich offensichtlich beim Lesen eines Silvia-Romanes gestört hatte.
„Ich habe einen Termin mit Herrn Reich-Ranitzki, dem Papst.“
„Er wird Sie sogleich empfangen. Sie sind wohl der junge Autor mit der spitzen Klinge? Kommen Sie nur, der Butler wird Sie zu ihm führen.“
Ich konnte vor lauter Dunkelheit im Vorzimmer fast nichts sehen. Dann erkannte ich an der Wand Portraits von Günther Grass, Seneca und Ralph Siegel, sowie einen Unzahl an Kochbüchern in Kisten, alphabetisch gereiht von Winston Aarsoligot bis Stephan Zwerlich.
„Gerhard, wach auf!“ kreischte die Empfangsdame. „Bringen Sie den Hoffnungsschimmer zum gnädigen Herren!“
Der dienstbare Geist war augenscheinlich bei der Lektüre des Nachsommers von Adalbert Stifter eingeschlafen.
„Sogleich, Angela“, erwiderte er in Plattdeutsch und glättete seine Bauchbinde.
Ich folgte ihm die wackeligen Stiegen hinauf, wobei ich bemerkte, dass jede zweite Stufe fehlte.
Oben stand Marcel Reich-Ranitziki gerade auf dem Kopf und las den Fäustling von Wolfgang Ambros und Joesi Prokopetz.
„So lese ich am liebsten“, meinte er und rollte geschickt ab. „Ich begrüße Sie herzlich, Sie haben wohl die schlaue Henry-David-Thoreau-Biographie verfasst.“
„Um ehrlich zu sein, war es nicht meine Wenigkeit, sondern meine Eingebung, die Muse. Ihr gebühren die Lobeshymnen der FAZ und eigentlich auch die Tantiemen.“
Reich-Ranitzki schenkte sich einen NÖM-Kakao ein und bot mir ein in Schokolade getunktes Mikado-Stäbchen an.
„Ich bin schlicht hingerissen, aber einen Punkt der Kritik muss ich schon anbringen. Die Theorie von Walden Pond nach Österreich zu versetzen ist schön und gut, aber die Amerikaner sind mit anderen Wassern gewaschen. Peter Pilz mag eine gute Kopie von Ralph Nader sein, aber denken Sie an die Managerin Monika Langthaler - sie hat bei der 20-Jahre-Feier der Grünen referiert. Wien ist nicht Chicago.“
„Ich versuche bloß mein Vaterland in ein Paradies zu verwandeln. Nicht mehr, nicht weniger.
Übrigens würde ich gerne Ihre Biographie schreiben, wenn es Ihnen genehm ist.“
„Mein Lebenslauf ist nur ein Schatten meiner selbst. Das interessiert keinen Hasen, außer die Zeitschrift Brigitte, dass ich seit Jahren in meiner Stube hocke oder am Kopf stehe und Werke in mich hinein schlinge. Aber Sie könnten über unser heutiges Treffen schreiben und es mit der Begegnung von Goethe und Napoleon in Weimar vergleichen.“
Ich blickte um mich und sah Gemälde von Julius II., Innozenz III. und Paul VI.. Auf dem Couchtisch lagen das Programm des Tanzforums in der Zieglergasse, der Falter und einige Einladungen zu Lesungen und Weinverköstigungen beim Lenz-Moser.
Plötzlich klopfte es und Linda Evangelista und Kate Moss traten unverblümt ein.
„Hallo Marcel!“ riefen sie unisono. „Wie gefallen Ihnen unsere Gedichte?“
„Es tut mir leid, junger Mann“, wandte sich die Autorität des geschriebenen Wortes an mich. „Sie müssen mich nun entschuldigen. Ich habe Wichtiges zu tun. Sie verstehen.“
Ich nahm meinen Burberry-Regenhut vom Haken an der Türe, küsste ihm den Fischerring, warf Kusshändchen in Richtung der Schönlinge und stolperte die Stiegen hinunter.
Gerhard klopfte mir auf die Schulter und Angela gab mir eine Topfengolatsche mit auf den Weg.
Der Regenguss hatte sich gelegt. Die Wolken wanderten einsam von Telegrafenmast zu Telegrafenmast.
Ich grübelte noch vor mich hin „So lebt der Papst?!?“, als ich in mein Goggomobil einstieg, den ersten Gang einlegte und Richtung Heimatstadt davon brauste.

F. Der Nobelpreis für Literatur

„Kann ich mit Gustav sprechen?“
„Mit wem?“
„Mit Gustav! Es ist dringend! Holen Sie ihn bitte sofort an die Leine!“
„Er befindet sich gerade dort, wo der Kaiser zu Fuß hingeht.“
„Ist mir schnuppe. Er ist König. Kein Wunder. Holen Sie ihn! Sagen Sie ihm, es sei Zwiebel.“
„OK, wird gemacht.“
Ich raufte mir die Haare. Ich kratzte mich hinter den Ohren. Ich kaute meine Nägel und meine Knieschützer. Ich trommelte, wie der Außerirdische Alf, mit meinen Fingern nervös auf die Tischkante des Stockholmer Innenstadt-Hotels.
Ich blickte auf die Uhr. Da schlug der Kirchturm der Storkyrkan gerade die Mittagszeit mit seinen ehernen und bronzenen Glocken des 15. Jahrhunderts. Es war mein Schicksalsschlag an meinem Schicksalstag.
„Hallo, hier Carl Gustav. Mit wem habe ich die Ehre?“
„Ich bin’s, Zwiebel. Ich habe die Nobelpreisüberreichung verschlafen.“
„Das tut mir leid.“
„Was können wir tun? Kann ich mir den Preis vom Königspalast abholen?“
„Das geht wirklich nicht. Vorbei ist vorbei.“
„Bitte?“
„Vielleicht erhalten Sie nächstes Jahr wieder eine Chance.“
„Und was ist mit meinem Nobelpreis?“
„Den haben wir Van Morrison überreicht. An Ihrer statt. Für sein Lied Have I told you lately that I love you?
„Kann ich Berufung einlegen? Ich bin entsetzt!“
„Für Siebenschläfer gibt es im schwedischen Recht keine Berufung. Manche Menschen verschlafen ihr ganzes Leben.“
„Dann richten Sie wenigstens Victoria und Madeleine herzliche Grüße von mir aus.“
„Werde ich tun. Adieu. Ebenfalls herzliche Grüße an Hubertus von Hohenlohe. Grüßen Sie mir auch Lech am Arlberg.“
Verdrossen wankte ich die Stufen hinunter zur Rezeption des drittklassigen Hotels. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich dem Portier vorwarf: „Warum haben Sie mich heute nicht, wie ausgemacht, geweckt? Sie haben meinen Traum zerstört. Ich komme mit leeren Händen nach Wien zurück.“
„Sie hätten nicht so knausrig sein sollen mit dem Trinkgeld. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wir Schweden sind ein nachtragendes Volk. Sie wissen ja, Alfred Nobel hat das Dynamit erfunden.“
Ich ließ meinen Kopf hängen und ging rüber an die Bar, wo ich mir ein Achterl Zweigelt bestellte. Ich schnupperte daran, und gedachte wie alles begonnen hatte vor wenigen Wochen.
Der Traum war aber nicht aus und vorbei. Das Palais Palffy würde bald seine Pforten öffnen. Ich beschloß, König Carl Gustav um den Ehrenschutz für diese Veranstaltung zu bitten. Dr. Simon hatte seine Unterstützung ja schon zugesagt.
Ich sagte dem Portier noch, er solle mir den Buckel runter rutschen, lief hinaus in die Gamla Stan und rief ein Taxi.
Wenigstens hatte ich gut und fest geschlafen. Und hatte einen Traum schöner als die Wirklichkeit.


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