Sie sind hier: Kurzgeschichten Deutsch  
 KURZGESCHICHTEN
Deutsch

DAS WUNDER VOM AUGE GOTTES
 

Familie Kratzer, meinen Gastgebern in Hollersbach, gewidmet

Einst lebte im alten Wien eine arme jüdische Familie namens Einstein in einer gedrängten Behausung in der Sterngasse um die Ecke vom ältesten Gotteshaus der Stadt, der Ruprechtskirche. Zu ebener Erde hatte der Vater Joseph ein Stoff- und Stoffrestegeschäft, welches die Familie nicht so recht erhalten konnte, doch er arbeitete von Sonnenaufgang bis in die dämmrigen Abendstunden und schneiderte zusätzlich Gewänder, stickte Schmückendes auf Kleidung und Vorhänge, und stopfte sogar Socken, um seine Gattin Magda und seine beiden heißgeliebten Kinder Erika und Erich zu ernähren. Er mußte schließlich sogar seinen getreuen Gehilfen Robert entlassen und schickte ihn auf’s Land zu Magdas Mutter, wo er am Bauernhof aushelfen konnte.
Die Eltern verheimlichten den Kindern ihre Sorgen und kratzten ihre kargen Mittel zusammen um ihnen Schreibfedern, genug Tinte, dezente Kleidung, einen Ranzen und ein tägliches Jausenbrot zu ermöglichen, damit sie in die Schule gehen konnten, ohne von ihren Mitschülern verspottet zu werden. Einmal in der Woche, meist am Sonntag, gab es zu Hause sogar echten Kakao und Kuchen oder Guglhupf. Da glänzten die Kinderaugen und Magda und Joseph konnten für einige Minuten ihre Sorgen vergessen. Den Kindern, aufgeweckte und gute Schüler, entging aber das Bangen der Eltern nicht und sie waren sehr bescheiden in ihren Begehren und Wünschen.
Als Magda schließlich durch hohes und heißes Fieber einige Zeit lang bettlägrig wurde, beschloß der Vater die Kinder auf eine Woche zur Großmutter auf’s Land zu schicken. Es waren Sommerferien und die frische Luft in Nußdorf würde den Kindern sicherlich gut tun und etwas Abwechslung vom Alltag bieten.
Der Vater packte den Kindern einen Rucksack mit Äpfeln, Eiern und frischem Brot als Mitbringsel für Großmutter Helene ein, gab ihnen genaue Anweisungen wie sie zum Gasthaus zum Auge Gottes kommen und erklärte ihnen, daß Robert sie dort zum Zeitpunkt der höchsten Sonne abholen würde.
Erich und Erika waren voll Vorfreude auf das Landleben, auf die Tiere am Bauernhof und auf das Spielen in Wald, Wiese und Flur. Auch den immer gut aufgelegten Robert, welcher ein großartiger Kumpel war, konnten sie kaum erwarten. Natürlich war ihnen der eigentliche Grund warum sie auf Erholung geschickt wurden schon ersichtlich und sie busselten ihre kranke Mutter ab, als sie sich verabschiedeten und versprachen immer brav und höflich gegenüber der Großmutter zu sein.
Der Vater nahm die Kinder auf den Schoß und drückte ihnen noch fünf Blechpfennige in die Hand mit der Anweisung diese der Großmutter auszuhändigen und auf sie bei der Wanderung nach Nußdorf sehr gut zu achten. Sie versprachen dies und winkten nochmals zurück bei der Abbiegung auf den Hohen Markt.
Wie ausgemacht wartete Robert nach einer guten Stunde Wegzeit beim Gasthaus zum Auge Gottes auf sie. Er hob sie hoch und versprach ihnen eine glückliche Woche und zeigte auf die Sonne, die strahlend am Himmel stand.
Die Großmutter hatte schon für sie ein sehr ausgiebiges Abendbrot vorbereitet und zur Nachspeise gab es sogar Heidelbeerpalatschinken, welches ihnen sehr mundete. Da der Bauernhof sehr geräumig war, hatten sie jeder ein eigenes Zimmer und ein großes Bett mit dicken, weichen Kissen. Sie schliefen bald einen tiefen und gesunden Schlaf wie es nur Kinder können, die sich glücklich schätzen, bescheiden und zufrieden sind.
Am nächsten Tag waren der junge Bub und seine Schwester schon ganz früh aus den Federn, denn sie wollten die vielen Tiere bestaunen. Robert, der auch schon auf war, zeigte ihnen das Melken der Kühe, stellte ihnen die Ziege Rosita vor, ließ sie die Schafe streicheln, die kleinen Schweinchen hochheben und die Pferde mit Karotten füttern. Am liebsten war ihnen aber der Esel Dinko, denn er hatte die gutmütigsten Augen und schaute sie mit einem so treuherzigen Blicke an.
Sie bekamen dann ein herzhaftes Frühstück mit frischer Milch, hausgemachter Marmelade auf knusprigem Brot, dazu ein Ei und sogar einem Stück Kuchen. Nachher halfen sie Helene beim Abwaschen, machten ihre Betten und legten ihre mitgebrachten Kleidungsstücke gefaltet in den alten Schrank. Dann durften sie hinunter auf die Wiese, wo sie Räder schlugen und Fangerln und Verstecken spielten. Robert wies sie aber auch auf die schöne Aussicht auf die Wienerstadt hin, die man von der Anhöhe erblickte. Er zeigte ihnen den Stephansdom, den sich hinschlängelnden, silberglänzenden Donaustrom, Maria am Gestade und auch die Ruprechtskirche, welche ja so nah zu ihrem Vaterhaus stand.
Da wurde Erika bedächtig und nachdenklich, und sie setzte sich nieder auf das Gras.
„Wenn es nur endlich unserer Mutter besser gehen würde!“ sagte sie traurig. Ich würde so gerne etwas für sie tun, damit sie sich besser fühlt.“
Da meinte Robert: „Wenn Ihr nur an Eure Eltern denkt und sie lieb habt - das ist das schönste was ihr für sie machen könnt.“
Da sprang Erich auf und rief: „Pflücken wir doch Blumen für unsere Mami! Viele, viele Blumen jeden Tag! Dann haben wir nach einer Woche einen riesengroßen Blumenstrauß und den bringen wir ihr dann mit!“
Robert blickte ein wenig besorgt, doch Erika war ganz Feuer und Flamme, und die beiden Kinder begannen sofort begeistert Blumen zu pflücken, groß, klein, gelb, blau, rot, violett - alle die auf der saftigen Wiese sprießten.
Robert sagte, daß sich die Blumen nicht eine ganze Woche halten würden, doch Erika gab zu Bedenken, daß man sie in den Wassertrog legen könnte, wo sie frisch bleiben würden.
Und von nun an sammelten die beiden guten Kinder täglich auf den umliegenden Wiesen die vielfärbigen Blumen für die kranke Mutter und malten sich aus wie diese sich über die ausgiebige und große Überraschung glücklich sein würde.
Die Woche war voll kleiner und großer Freuden und Robert kümmerte sich um ein volles Tagesprogramm für die beiden Stadtkinder, welche das ländliche Leben, die gute Luft und die neue Umgebung in vollen Zügen genossen. Großmutter Helene sorgte sich um ihr leibliches Wohl und um eine gemütliche Stube, und versuchte den Enkerln unbekümmerte Tage und eine sorgenfreie Zeit zu bieten.
Für Erich und Erika war es der erste richtige Urlaub ihres Lebens, und sie waren erstaunt von den vielseitigen Möglichkeiten, welche der Aufenthalt auf dem Bauernhof ihnen jeden Tag auf’s Neue bot.
Im Nu waren aber die schönen Tage vorbei und es war Zeit zurückzukehren in ihr Heim, und sie freuten sich natürlich wieder sehr, bald ihre Eltern wiederzusehen und ihre Mutter in die Arme schließen zu können.
Die große Menge von gepflückten Blumen war zu einem ansehnlichen Strauß angewachsen und sie banden ihn mit einem dicken, gelben Zierspagat, welchen ihnen die Großmutter schenkte, zusammen. Doch als sie ihn aus dem Wasser genommen hatten, bemerkten sie, daß die Blumen schon ein wenig schlaff geworden waren. Robert konnte eine traurige Miene nicht unterdrücken, als er Erich half den Rucksack anzuziehen.
Sie gaben ihrer Großmutter ein dickes Bussi, bedankten sich herzlich und höflich, und versprachen den Eltern liebe Grüße auszurichten. Sie machten sich auf den Weg mit Robert, denn dieser wollte sie wieder zum Gasthaus zum Auge Gottes geleiten.
Dort angekommen verabschiedeten sie sich mit Umarmungen von Robert, welcher dann sogleich in das Gasthaus ging sich für den Rückweg zu erfrischen.
In einer kleinen Entfernung beschlossen sie die schönen Blumen, welche die Großmutter sorgfältig in Papier eingewickelt hatte, nochmals zu begutachten.
Doch, welch’ Schreck! Sie machten gar jämmerliche Gesichter, als sie den ganzen verwelkten Strauß erblickten. Alle Blumenköpfe hingen schlaff und erschöpft herunter, die Farbe war ihnen entwichen und sie schauten gar armselig und trostlos aus. Die Tränen standen den enttäuschten Kindern in den Augen. Nun kamen sie mit leeren Händen zu ihrer Mutter heim und sie hätten ihr ja so gerne eine Riesenfreude bereitet.
Da bemerkte Erich, daß sie sich vor einer kleinen Muttergottes-Kapelle befanden und in seinem Jammer schlug er Erika vor hineinzugehen und um Hilfe und Trost zu beten. Zuerst meinte Erika, daß sie ja jüdisch seien und keine Christen, doch dann beschlossen sie dennoch zu Gott zu beten, denn dieser sei ja für alle da.
Sie legten die Blumen und den Rucksack vor den Eingang, gingen hinein und falteten kniend die Hände. Nach einigen Minuten der Andacht kamen sie wieder an die frische Luft, doch ihre Blumen und der Rucksack waren verschwunden. In der Ferne sahen sie zwei Burschen mit ihnen davonlaufen und diese drehten sich noch um, schrien derbe Schmähungen und lachten sich höhnisch ins Fäustchen.
Erich und Erika liefen die Tränen über die Wangen und sie liefen den beiden boshaften Jugendlichen nach und riefen so laut sie konnten: „ Haltet die Diebe!“
Doch sie hätten keine Chance gehabt diese einzuholen, wenn nicht zufällig Robert aus dem Gasthof gekommen wäre und die Kinder schreiend und laufend sah und sogleich die Situation erfaßte.
Sofort nahm er die Verfolgung auf und mit einigen zügigen Schritten im Lauftempo hatte er die beiden Übeltäter bald am Schlawittchen gepackt. Er war so wütend und erzürnt über diese Jungen, daß er die beiden jeweils mit einer Hand an deren Fuße aufhob und kräftig rüttelte und schüttelte.
„Das macht ihr mir nicht nochmal!“ schrie er sie an, „Ihr werdet Euer sündhaftes Leben noch bereuen!“
Nun gerade waren auch Erika und Erich angekommen, und als die beiden Burschen hoch in der Luft mit dem Kopf nach unten gebeutelt wurden, staunten unsere zwei lieben Kinder nicht schlecht, als aus den Taschen der Schlawiener mehr als eine Handvoll Goldmünzen auf den Boden kollerten.
Robert traute zuerst nicht seinen Augen, faßte sich aber schnell, und im Handumdrehen war ihm klar was dies bedeutete.
„Also Ihr beiden Hallodris habt letzte Woche den Heurigen Zimmermann nach dem Sonnwendfest bestohlen! Das schwerverdiente Geld können wir nun den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben und Ihr werdet der gerechten Bestrafung nicht entgehen!“
Geld können wir nun den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben und Ihr werdet der gerechten Bestrafung nicht entgehen!“
Mitsamt dem zurückgeholten Rucksack doch ohne den welken Blumenstrauß, den sie an Ort und Stelle liegen ließen, marschierten sie alle zu dem besagten Heurigen und der Besitzer war so glücklich das verloren geglaubte Geld wieder zurück zu bekommen, daß er nicht nur Robert sondern auch den beiden Kindern jeweils ein Goldstück in die Hand drückte.
So etwas Wertvolles hatten Erich und Erika noch nie in Händen gehalten und sie waren ganz glückselig, daß sie ihren Eltern so einen Schatz mitbringen konnten. Robert bestand noch darauf, daß sie sein Gold für ihre Eltern einsteckten, und er bat sie ihnen auszurichten, daß er gerne wieder in Vater’s Geschäft arbeiten würde.
Die beiden Halunken übergaben sie dem Dorfgendarmen, der berichtete, daß sie schon einiges auf dem Kerbholz hatten.
Frohen Mutes und mit einem heiteren Lied auf den Lippen spazierten die beiden nun an der besagten Kapelle zum Auge Gottes vorbei, und blickten dabei voll Dank auf die Statue der Mutter Gottes.
Bald danach sahen sie schon von der Weite Maria am Gestade auf der Anhöhe, eine dreiviertel Stunde später überschritten sie den Tiefen Graben und dann war es nicht mehr weit bis zur heimischen Wohnungstüre.
War das ein freudiges Wiedersehen voll herzlicher Umarmungen, und voll Übermut erzählten die Kinder gleichzeitig und durcheinander ihr kürzliches Erlebnis, sodaß die Eltern die wundersame Geschichte erst nach und nach verstehen konnten. Als Erika und Erich dann ihre drei Goldstücke dem Vater und der im Bett liegenden Mutter zeigten und schenkten, waren diese durch und durch gerührt. Sogleich und ohne Zögern beschloß die Familie was sie mit dem unerwarteten Reichtum unternehmen würde.
Endlich am nächsten Tag konnten sie einen richtigen Arzt für die Mutter holen und sie leisteten sich nun sogar die teure Arznei und eine notwendige Diät. Auch schickte Vater Joseph eine Botschaft an den guten Robert, daß er ihn nun wieder einstellen konnte, worüber natürlich die Kinder hocherfreut waren.
In zwei Wochen war Mutter Magda wieder auf den Beinen und die ganze Familie samt Robert und der Großmutter, welche auf Besuch kam um das freudige Ereignis zu feiern, gingen ganz fein aus in das Gasthaus zum Roten Sabelkeller am Tiefen Graben.
Bevor sie das Mahl begannen sprach der Vater für die Familie ein kurzes Gebet und wies darauf hin, daß das Auge Gottes jeden Erdenmenschen sieht und einem jeden guten Wesen wohl gesinnt sei, ob arm, ob reich, ob alt, ob jung, ob groß, ob klein. Die Liebe und die Wunder kämen aber nicht nur von Gott, sondern von dem Herzen eines jeden Einzelnen. Wer daran fest glaubt und danach handelt, dem offenbare sich auch die Zufriedenheit und die Glückseligkeit nicht nur auf Erden, sondern auch im Himmel, in den Sternen und in der Ewigkeit.






Weihnachten ist die schönste Zeit | Die Kaiserin und die Kuh