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 KURZGESCHICHTEN
Deutsch

IN EINEM FERNEN LAND ÜBER DEM MEER
 

Die unsagbare Hitze lastete schwer auf dem kleinen Ort und Papageien flogen von Ast zu Ast, als Diego mit raschen Schritten um die Ecke in die Bolivarstraße einbog. Er beeilte sich auch heute wieder der erste beim Rathaus zu sein, um das eiserne Eingangstor aufzusperren.
Kurz darauf nahm er den großen Kupferschlüssel in die Hände und drehte ihn mühevoll bis das Schloß aufsprang. Er ging sogleich in die Bürgermeisterzimmer, um die Vorhänge zu öffnen und um den Kaffee vorzubereiten. Er dachte dabei an Senorita Rosadiana, die Tochter des Bürgermeisters El Padre, in die er unsäglich verliebt war, und er hoffte, daß sie heute wieder in Papa’s Büro kommen würde.
Kurz danach erschien Margarita, ebenfalls ganz in weiß angezogen, und fing an in diesen Gemächern abzustauben. Alle Angestellten im Rathaus trugen stets weiß, um der Hitze zu trotzen, nur Stroganoff, angeblich ein Nachfahre russischer Anarchisten, erschien stets in schwarzem Gewand.
Schon vernahm man das Geschrei von der Amtsstube, wo El Grande Granto seine tägliche Schreckensherrschaft verkündete. Alle zitterten vor seinen Launen und seinen herablassenden verbalen Peitschenhieben. Aber seine Vorgesetzten schien das nicht weiter zu stören, wohl deshalb weil er sich in Gesprächen mit ihnen kontinuierlich auf und ab verbeugte wie eine Kinderschaukel.
„Dove estos los caffeos, tu miserabilissimo Diego?!?!“ tobte er, „Nichts klappt hier, wenn ich nicht dahinter bin!“
Er schmiß aus Wut und Erregung einen Aktenbündel auf den Boden, fluchte mit undruckbaren Aussprüchen und gab den Akten einen ordentlichen Fußtritt, sodaß sie aus dem Fenster flogen.
Inzwischen war der Bürgermeister vor dem Tore in einer geschmückten Kutsche erschienen und seine Stellvertreter verbeugten sich tief und reichten ihm die Hand, um ihm beim Herabsteigen behilflich zu sein. Sie geleiteten ihn zum Eingang und nahmen ihm den Rock, den Panamahut und den Gehstock ab.
Währenddessen nahm der Tag seinen gewohnten Lauf und Bittsteller reihten sich vor den Zimmern der Referenten an.
Der österreichische Ehrenkonsul Dr. Wolfgang von Ei wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, als er in das Rathaus eintrat. Er hatte heute sehr bestimmte Absichten, ging in die Amtskanzlei und bat El Grande Granto ihn sogleich beim Bürgermeister anzumelden.
„Gschamsteros Dieneros“ sprach ehrerbietig El Grande, verbeugte sich tief und nahm den Telefonhörer, um El Padre anzurufen, welcher sogleich bereit war Dr. von Ei zu empfangen, da er sonst nichts zu tun hatte.
Diego geleitete ihn zu den Räumen des Stadtoberhauptes, welcher die Hand des Besuchers ergriff und sagte: „Lassen’s dös G’wandos, den Schirm und die Aktentasche ruhigos am Ganges!“
Sie nahmen Platz in den weichen, tiefen Sitzen.
„Ich komme wegen Ihrer Tochter Rosadiana, der holden Blüte. Sie wissen welchen hohen gesellschaftlichen Rang ich inne habe und welche weiteren Vorzüge mich zieren. Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter und gelobe sie zu achten und zu beachten.“
El Padre verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und ging im Zimmer auf und ab.
„Wissen Sie, mein Lieberos“, sagte er, „niemanden schätze ich höher ein als Sie, doch ich vermute fastos, daß meine Tochter in jemand anderen verliebt ist. Dennoch, über eine gute Sache kann man sprechen.“
Inzwischen hatte sich Diego auf einen Schluck Wasser in die Amtsdienergarderobe zurückgezogen. Da vernahm er ein leises Geräusch: tic-toc, tic-toc, tic-toc, tic-toc. Er wunderte sich sehr und bemerkte, daß dies von Stroganoff’s Kästchen herkam. Diego wurde immer unruhiger und wendete sich dann zu dem verdächtigen Schrank, öffnete den Verschluß und äugte hinein.
„Entsetzlich!!!“, rief er aus, „Aaaaaaaaaah!!!“
Er hatte ein runde, schwarze Bombe entdeckt, dessen Docht hell leuchtend brannte und welche jederzeit detonieren konnte.
„Alarmos, alarmos, bombos, bombos!!!“ lief er schreiend die Stufen hinunter.
Die Belegschaft horchte auf. Auch Stroganoff vernahm den Wirbel und schlich sich schnell in die Garderobe zurück und nahm die Bombe an sich. Er lief, diese unter seinen schwarzen Jacke verbergend, hinunter, während alle zum Ausgang stürzten.
Diego war inzwischen beim Bürgermeister angekommen und erklärte ihm wild gestikulierend die dramatische Situation.
El Padre befahl Diego in den Turm zu laufen und die Alarmglocken zu läuten.
Der Ehrenkonsul verabschiedete sich geschwind und bat noch eindringlich: „Denken Sie an mich, mein hoher Herr! Gedenken Sie des sagenhaften Reichtums und der Aktien!“
Stroganoff war schon vorher unten angekommen und hatte die Bombe in die Aktentasche von Dr. von Ei gelegt und meinte lakonisch zu Diego als dieser ansetzte die Stufen hinaufzulaufen: „Warum so aufgeregt, mein Guter?“
Diego schrie nur: „Der Tod gehört Dir!!!“ und eilte zwei Stufen auf einmal hinter sich lassend hinauf.
Alle drängten schon zum Ausgang, obwohl erschöpft von der drückenden Hitze. Bald darauf läuteten die Glocken und der Bürgermeister ließ Stroganoff von der Rathauswache festnehmen und in Fesseln legen.
Dr. Wolfgang von Ei spannte seinen Sonnenschirm auf, nahm eine Prise Schnupftabak und machte sich auf den Weg.
Er meinte noch zu sich selbst: „Gut gemacht, mein Lieber! Rosadiana ist so gut wie Dein!“ und flog wenige Sekunden später mit dem durchdringenden Knall der Explosion in die Luft.
Doch dies bemerkte kaum jemand, da am Ende der Stadt auf dem großen Hügel die Reiterscharen von Pancho Villa erschienen waren. Die Konturen ihrer Sombreros gegen die Sonne schienen wie ein Wink des Himmels.
Als sie auf das Rathaus zugeritten kamen, riefen sie aus: „Wir bringen Euch den Wohlstand und den Frieden!“
Der Bürgermeister, die Vize-Questoren und der Kanzleivorstand verneigten sich tief vor ihnen und hießen sie herzlich willkommen.
El Padre begrüßte sie mit den Worten: „Wir suchen schon lange nach Stadtvätern mit guten Absichten, Durchlagskraft und Durchsetzungsvermögen! Was uns gehört, gehört auch Euch - nehmt unsern Dank entgegen!“
Die Belegschaft der Stadtverwaltung begab sich wieder der Reihe nach in ihre Arbeitsstätte. Die Amtsdiener hatten den roten Teppich geholt und ihn schnell ausgebreitet.
Die Papageien hatten sich nach dem Tumult beruhigt und nahmen wieder auf den weitragenden Ästen der Bäume Platz. Die glühende Hitze machte auch ihnen zu schaffen.
Das dunkeläugige Mädchen, welches gerade um die Ecke bog, vernahm aber deutlich ihr lautes und melodiöses Gezwitscher. Sie glättete ihren Rüschenrock, schaute kurz in den Handspiegel und setzte ihren nur mehr kurzen Weg fort.




Die Kaiserin und die Kuh | Johnny & the Emeralds