Als Zwiesel mit seiner Baßgitarre unterm Arm durch die Martinstraße hetzte, war eine ganze Meute junger Fans hinter ihm her. „Bitte, gib mir ein Autogramm auf das Schienbein!“ rief ein sommersprossiges Mädchen. „Wann beginnt ihr heute zu spielen?“ erkundigte sich deren Freundin. Doch Zwiesel hatte keine Zeit sich ihnen zu widmen. Heute war nämlich der erste große Auftritt seiner Band „Johnny & the Emeralds“ im Gasthaus zum lustigen Prinzen in der Schopenhauerstraße und er war ganz aufgeregt. Die bunten Federn in seinen Haaren, die verschiedenartigen Halsketten, die mannigfaltigen Stickers und seine auffallenden Bühnenklamotten (mehrere Lagen unterschiedlichster Textilien übereinander, ähnlich wie Cyndi Lauper Anfang der 80er Jahre) verliehen ihm ein papagenoartiges Aussehen. Der ganze Tumult um ihn herum berührte ihn kaum, als er sich die ersten Takte von „Unchain my Heart“ vorsummte. Beim Kaffeehaus zur Pfeife lugte er bei der Türe hinein und pfiff dreimal laut. Der ältere Ober schaute kurz auf, als Zwiesels Fanansammlung sich beim Eingang breit machte, doch die bunte Schar vertrollte sich sogleich, als der angepfiffene Gast, ein Student mit längeren, lockigen Haaren und Krankenkassenbrillen, sich zu ihnen gesellte. Dieser junge Mann namens Aichhorn teilte Zwiesel mit, daß das Schlagzeug schon im Gasthaus deponiert sei. Jetzt drängte sich die junge Menge auch um ihn und er meinte: „Autogramme bitte später - hört euch doch zuerst einmal die Musik an!“. Umringt kam diese Rhythmusgruppe der Döblinger Nachwuchsband am Aufführungsort an. Dort empfingen sie Petticoat, die hübsche, langbeinige und platinblonde Sängerin und deren Freund, der Bandleader Johnny Kleefinger, welcher gerade beim Einstellen der Verstärkeranlage war. Er hatte grüne Augen und eine pechschwarze Haarpracht wie Brian May, suchte die Lieder aus, arrangierte sie, sang die Leadstimme und spielte eine äußerst fetzige Gitarre. „Machen wir den Soundcheck“, sagte er zu den anderen und schubste die quirligen Autogrammjäger bei der Türe hinaus. „Das Konzert beginnt erst in einer halben Stunde“. Jeder nahm sein Instrument und Petticoat und Johnny stellten sich vor die Mikrophone. „Probieren wir’s mal mit ‚The River’, sagte Johnny und begann mit der Mundharmonika und der Gitarre zu spielen, worauf die restlichen Gruppenmitglieder einsetzten. Johnny nahm einige Veränderungen am Mischpult, das seitlich auf der Bühne stand, vor und schien dann nach einigen Probegallops ganz zufrieden zu sein. „Hier“, sagte er dann noch zu den anderen, „ist der Vertrag den ich gestern mit dem Gasthauspächter abgeschlossen habe. Er bekommt 10 Prozent der Einnahmen von der Kassa plus, natürlich, den Profit von verkauftem Essen und Trinken. Wir teilen uns die restlichen 90 Prozent. Da wir 80 Schilling Eintritt verlangen und ca. 200 Leute erwarten, müßten wir jeder, bei einigem Glück, gute 3.000.- Schilling verdienen.“ „Dann kann ich mir endlich einen neuen Verstärker leisten!“ rief Zwiesel hocherfreut. „Und ich kaufe mir eine neue Perücke“, warf Petticoat ein. „Ich schenk’s meiner alten, kranken Mutter“, bemerkte Aichhorn. „Die braucht wieder Behandlungen für ihr Rheuma.“ „Freut euch nicht zu früh!“ sprach der Wirt, der dickbäuchig und breitschultrig eingetreten war. „Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen. Zuerst sähen und dann ernten - nicht umgekehrt.“ Johnny schaute ihn aus schiefem Winkel an und wollte etwas sagen, doch er überlegte es sich anders. Petticoat zupfte noch etwas an ihrer Frisur, Zwiesel stimmte seinen Baß und Aichhorn rückte seine Snare zurecht, als die Eingangstür für das Publikum geöffnet wurde. Wie ein starker Fluß strömten die jungen Leute herein und nahmen teils an den Tischen Platz, teils stellten sie sich bei der Bühne auf und warteten auf den Anfang des Konzertes. „One, two, one, two, three, four!“ zählte Johnny lautstark ein und die Band begann ganz stürmisch mit „Johnnie B. Goode“, wobei Petticoat sich so im Rhythmus hin und her bewegte, daß ihre Knie zum Vorschein kamen. Die Leute fingen an zu tanzen und sofort begann gute Laune sich unter den Teenagern breit zu machen. „Wir begrüßen euch auf’s herzlichste - laßts alle Hemmungen fallen und tanzts, daß die Wände wackeln!“ rief Johnny ins Mikrophon und die Menge schrie auf. Die Band wechselte von vintage Rock ‘n’ Roll zu Stones-Nummern wie Satisfaction und Brown Sugar und der Saal brodelte. Just beim Höhepunkt flüsterte Petticoat ganz rauchig: „Jetzt mal ein bißchen Abwechslung“, und die Band begann ganz gefühlvolle, langsame Nummern anzustimmen. Die jungen Mädchen im Saal schmiegten sich an ihre Partner, die Lichter wurden gedämpft und Johnny und Petticoat sangen im Duett über Anziehung, Begehren und Vergehen. Nach vielen verträumten Minuten rief dann Aichhorn plötzlich von hinten: „Come on Leute, let’s go, two, three, four!“ und die Anfangsakkorde von „Wild Thing“ schmetterten einschneidend von einem Ende des Saales bis zum anderen, und sofort entfesselte sich ein Zucken der Leiber und ein rhythmusvolles Tanzentzücken. Johnny war voll in Fahrt und alle im Publikum, außer den Kellnern und einem sonnenbebrillten Mann mit Krawatte im Hintergrund, klatschten begeistert mit. Das war ein Abend! Denn die knisternde Atmosphäre breitete sich aus sie ein rasender Wirbelwind. Das würde das Publikum nicht so bald vergessen! Dann kam eine kurze Pause und die Band versuchte bei der Theke ein wenig zu verschnaufen. Sie waren umringt von jugendlichen Fans, doch sie ließen sich nicht stören und stießen an. „Auf eine erfolgreiche und bahnbrechende Karriere!“ rief Johnny. „Möge uns Apollo gewogen sein!“ Dann schnappten sie wieder ihre Instrumente und präsentierten „Mit Zahnschmerzen ist jetzt Schluß!“, ein Lied einer befreundeten Döblinger Gruppe. Die Tänzer kamen ins Schwitzen und Jive war der Tanz der Stunde. Den Soul-Klassiker „In the Midnight Hour“ widmete Johnny seinem Vorbild Paul Young. Es folgte Petticoat’s Lieblingssong „Heartbreaker“, daraufhin einschmeichelnde, 3-stimmige Harmonien bei Tom-Petty- und Grateful-Dead-Nummern. Das Publikum konnte sich nicht mehr zurückhalten und, wie bei der Mexiko-Welle im Ernst-Happel-Stadion, glätteten sich nicht mehr die Wogen. Schließlich bei dem letzten Lied, „Tomorrow Never Knows“ von den Beatles, fiel sich die Band um den Hals und Petticoat weinte vor Glück. Alles war perfekt. Alles stimmte. Nur eins nicht. Kurz nachdem sich der Saal leerte - die Kellner trugen gerade die letzten Gläser und Flaschen hinaus - saß die Band um einen Tisch und der Gasthauspächter erklärte ihnen gerade: „Also dann, danke für’s Auftreten. Ihr habts erfolgreich für Euch Reklame gemacht. Na ja, das wär’s dann!“ Johnny blickte ihn an und sprach: „Wo bleibt das Geld?“ Der distanziert wirkende Wirt grunzte und zog aus seiner Tasche ein Blatt Papier. „Schau mal“, sagte er. „Da steht’s ja schwarz auf weiß, daß ich 100 Prozent der Einnahmen erhalte!“ Johnny betrachtete den durch einen Computer manipulierten, gefälschten Vertrag. Da zog Johnny seine Kopie des Vertrages aus seiner Brusttasche. „Na, was sagen Sie jetzt?“ konterte er kühl. Der Pächter blickte stumm und sagte trocken: „Na ja, dann müßt ihr wohl um die Marie prozessieren“, stand auf und ging. Johnny hielt seine Kopf tief in den Händen. Petticoat wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Aichhorn dachte an seine rheumakranke Mutter. Zwiesel stellte sich seinen Verstärker vor - auf Flügeln davonschwebend. Eine Mattheit lastete über der Gruppe. Da setzte sich lachend der sonnenbebrillte Gentleman mit dem karierten Sakko zu ihnen und schlug dabei Johnny auf die Schultern. „Na, wie geht es euch?“ erkundigte sich jovial der Fremde. „Ziemlich down“, bemerkte Zwiesel. „Der Wirt ist mit der Kassa davon. Und wir haben keinen Rechtsanwalt.“ „Wer wird denn nach so einem super Auftritt gleich den Kopf hängen lassen?“ antwortete der Mann. „Ihr klingt ausgezeichnet! Ihr seid beliebt! Ihr habt den Zeitgeist beim Schopfe gepackt und alle waren begeistert!“ „Davon kann ich mir auch keinen Bikini kaufen“, seufzte Petticoat. „Ich mache Euch einen Vorschlag“, meinte der graumelierte Herr. „Ich habe einen Bruder in Memphis, Tennessee und der ist Produzent. Ich empfehle ihm von Zeit zu Zeit gewisse Acts, die er dann oft groß herausbringt.“ „Na geil!“ meinte Zwiesel. Johnny war inzwischen aus seiner Lethargie erwacht. Petticoat hatte jetzt große Kulleraugen und Aichhorn holte schon mal seinen Rechenschieber hervor. „Ich bin Alfred J. Weider“, sagte der Mann freundlich. „Ich biete Euch als Anzahlung 4000 Dollar, sozusagen als Zeichen unseres guten Willens. Ihr müßt nur versprechen bei keiner anderen Firma zu unterschreiben, bevor ihr uns nächsten Monat in Memphis besucht. Auf die Reise laden wir euch natürlich ein und ihr bekommt die zwei Gästebungalows mit Swimming-Pool.“ Und Herr Weider zog vier Tausend-Dollar-Scheine aus seinem Portemonnaie und übergab jedem Bandmitglied einen. Sie stießen äußerst zufrieden und überglücklich mit Coca-Cola und Apfelsaft an. Während Johnny intensiv mit Herrn Weider redete über dies und über das und sein Glück gar nicht glauben konnte, kam wieder das sommersprossige Mädchen zu Zwiesel und diesmal schrieb er ihr etwas auf ihr Schienbein. Als das Mädchen zum Ausgang kam, blickte sie zurück auf den Aufführungssaal und dann hinunter auf ihr Bein. Darauf stand geschrieben: „Für Alina, Dein Zwiesel - ein waschechter Rock ‘n’ Roller“
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